Happy New Year: Die Welt ist aus den Fugen geraten

Posted on Jan 2 2017 - 7:04am by Magnus Hoffestett

Wenn man nach der Finalität der Europäischen Union gefragt hat, bekam man aus dem Rat, später aus der Kommission, meist unwirsche Antworten. Statt dessen wurde von Erweiterung und Vertiefung gesprochen, davon, dass die EU eine Konstruktion, ein Gebilde „sui generis“ sei, also unvergleichlich, einzigartig und so weiter. Wenn versucht wurde, die Europäische Union als Abfolge von Krisenfällen darzustellen, die eben auch deshalb entstehen konnten, weil die Finalität immerzu ausgeklammert wurde, weil sich alle davor scheuten, zu sagen, was die EU letzten Endes einmal sein solle, wurde man abgekanzelt. Denn die EU habe es immer noch geschafft, Krisen zu bewältigen, die Union würde zudem mit jeder Krise stärker. So lauteten die mantrahaften Erzählungen. Besonders gerne verwendet wurden dafür die Weisheiten aus Management-Seminaren. Man schwafelte davon, dass im Chinesischen für Krise und Chance dieselben Schriftzeichen verwendet werden.

„Krise als Chance“ wurde zum sprachlichen Versatzstück – und es wurde geglaubt. So lange, bis die EU aufgrund der anhaltenden Krisen zu einem starren Block wurde. Von außen (Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan) und innen (Rechtsextremismus und -populismus, Nationalismus, Brexit, Bankensumpf und Flüchtlinge) führte der Druck nahezu bis zur Unbeweglichkeit. Heute, zu Beginn des Jahres 2017, befindet sich die Europäische Union in einem schicksalhaften Zustand. Ach Europa!

Die Gefahr eines Zerfalls der EU immer noch als bloße Schwarzmalerei abzutun, wäre grob fahrlässig. In Erinnerung an den Zweiten Dreißigjährigen Krieg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der zum „Höllensturz“ (Ian Kershaw) führte, kann es nur zwei Antworten geben: Der Weg Brüssels des „Weiter so“ muss gestoppt werden und gleichzeitig muss die alte EU aus ihren Konstruktionsfehlern lernen, um eine neue Europäische Union entstehen zu lassen. Einer demokratische und politische Union der Bürger, nicht der Staaten. Zweifelsohne eine Herkulesaufgabe, die utopisch klingen mag. Natürlich gibt es zu dieser Herausforderung und Aufgabe wie immer eine Alternative. Doch diese trägt den Keim der Zerstörung bereits in sich.
Mit der Idee vom vereinten Europa sollten die Nationalstaaten überwunden werden. Dies wollte nur niemand hören. Deshalb wurde man allzu rasch als Störenfried abgestempelt, wenn man die Frage nach der Finalität stellte. Michael Sprenger – Tiroler Tageszeitung

Ein Jahr zum Vergessen: Brexit, Trump, Aleppo

Die „Schlafwandler“ kommen einem in den Sinn, jenes Wort des britischen Historikers Christopher Clark über die europäischen Politiker, die 1914 in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges taumelten. Auch 2016 ist ein Jahr zum Vergessen. Kein Kontinent war nach dem Wegfall der Blockkonfrontation so optimistisch wie dieser. Und nun zerfällt das Werk der europäischen Einigung. Wegen schlechter Laune. Oder aus Jux. Politische Spieler in London sorgten für den Brexit. In ganz Osteuropa träumt man wieder von starken Führern. Die Euro-Krise ist nicht ausgestanden. Nichts ist gelernt aus der Geschichte. In England schlugen sie auf Polen ein, in Bautzen auf Asylanten. Und 2017 kann es noch schlimmer kommen, in Italien, Frankreich, Holland. Auch in Deutschland. Überall lauern Populisten.

Der europäische Sisyphos wird wieder von vorn anfangen müssen, wenn dieser schlechte Traum hoffentlich irgendwann vorbei ist. Es zeigt sich, dass nicht nur die Not ein Motor für niedere Instinkte ist, wie in den 1920er-Jahren, als die Massenarbeitslosigkeit das Wachstum der Radikalen befeuerte. Sondern auch die Angst, teilen zu müssen. Die Mittelschicht schrumpft, das Aufstiegsversprechen funktioniert nicht mehr. Globalisierung und Digitalisierung erscheinen da wie apokalyptische Reiter. Die Kultur des demokratischen Diskurses wird abgelöst durch Beschimpfungen. 1990 rief man das „Ende der Geschichte“ aus. Man meinte damit das Ende der Diktaturen, man hoffte auf einen Siegeszug der Demokratie. 2016 kam es genau umgekehrt. Die Geschichte rollt rückwärts, wie in einer Zeitmaschine. Das, was man Westen nannte, verliert beständig an Strahlkraft. Der Kalte Krieg lebt wieder auf, weil Russland die Schwäche des Westens nutzt. Außer Russland setzte auch die Türkei auf Nationalismus und mit der Wahl Donald Trumps, der Tiefpunkt des Jahres, auch die USA.

Es gab auch Lichtblicke. Doch vom Atomabkommen mit dem Iran weiß niemand, wie lange es hält. Ebenso wenig vom Klimaschutzabkommen. Vielleicht kündigt Trump beide, vielleicht überhaupt alles, was in den letzten Jahren ersonnen wurde, um die Welt zu stabilisieren. Mit dem Anschlag in Berlin und dem Fall Aleppos setzte das Jahr 2016 letzte, schreckliche Ausrufezeichen. Einige sagen, die Welt sei aus den Fugen geraten. Die Häufung der Krisen könnte die Weltgemeinschaft überfordern und zum Zusammenbruch der Strukturen führen. Viele Menschen haben Angst davor. Zu Recht, denn es zeigt sich, wie unfähig die Menschheit zur Kooperation ist. Längst nicht alle Menschen, nicht alle Regierungen, aber immer mehr. Schlafwandler eben. 2016 war ein gebrauchtes Jahr. Return to sender. Lausitzer Rundschau

1 Comment so far. Feel free to join this conversation.

  1. Anonymous Montag, 2. Januar 2017, 10:42 at 10:42 - Reply

    Ich bin mir sicher es wird innerhalb der EU wieder knallen.

Leave A Response