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Zeitenwende in der Türkei

Bestsellerautorin Elif Shafak dankt Erdogan-Gegnern

Der Erdrutschsieg des Oppositionspolitikers Imamoglu bei der Wiederholung der Oberbürgermeisterwahl in Istanbul ist eine Zäsur für die Türkei. Präsident Erdogan hat die Herrschaft über alle großen Städte des Landes verloren, seine Partei AKP und ihre nationalistische Partnerin MHP haben nun auch in Istanbul keine Mehrheit mehr. Nach mehr als 16 Jahren an der Macht ist Erdogan angezählt, vorgezogene Neuwahlen sind nicht mehr ausgeschlossen.

Das Istanbuler Wahlergebnis ist ein wichtiges Lebenszeichen der türkischen Demokratie. Die zehn Millionen Wähler am Bosporus haben sich von ihrer Regierung nicht gängeln lassen und einen Politiker gewählt, der einen Neuanfang wagen will. Imamoglu muss jetzt liefern: Er verspricht ein Ende von Ausgrenzung und Korruption.

Für den Sieg der Opposition gibt es vier wichtige Gründe. Erstens läuft die türkische Wirtschaft so schlecht, dass die AKP ihren wichtigsten Trumpf, das Versprechen von mehr Wohlstand, nicht ausspielen konnte. Zweitens verfügen die Erdogan-Gegner mit dem 49-jährigen Imamoglu zum ersten Mal seit langem über eine charismatische Führungsfigur, die Wähler über Parteigrenzen hinweg hinter sich bringen kann. Drittens betonte Imamoglu in seinem Wahlkampf das Miteinander der Menschen und setzte diese Botschaft erfolgreich gegen Erdogans Taktik der Polarisierung. Viertens ging Imamoglu ein inoffizielles Bündnis mit der Kurdenpartei HDP ein, was ihm wichtige Stimmen brachte.

Am schwierigsten wird diese Lektion für Erdogan zu verdauen sein. Der 65-jährige Autokrat duldet kaum noch Widerspruch. In Imamoglu hat er jetzt einen Gegner, der für viele Türken die Hoffnung auf Veränderung symbolisiert. Seit Sonntagabend ist Erdogan nicht mehr der Jäger, sondern der Gejagte.¹

Die türkische Bestsellerautorin Elif Shafak kritisiert die Wiederholung der Bürgermeisterwahl in Istanbul scharf: „Die Annullierung halte ich für ungesetzlich, undemokratisch und unfair“, sagte Shafak dem „Tagesspiegel am Sonntag“ (Ausgabe 23. Juni). Sie hofft jetzt auf einen Sieg des Oppositionellen Ekrem Imamoglu an diesem Sonntag. Der erste Wahlgang im März war annulliert worden. Imamoglu hatte ihn außerordentlich knapp gegen einen Vertreter der regierenden AKP gewonnen.

Im Interview mit dem „Tagesspiegel“ lobt Shafak den Oppositionskandidaten Imamoglu, weil er zu den wenigen türkischen Politikern gehöre, die sich „höflicher und konstruktiver“ äußerten: „Er polarisiert nicht wie Erdogan, der in seinen Reden die eine Hälfte der Gesellschaft gegen die andere stellt.“

Die 47-jährige Shafak lebt seit zehn Jahren im Ausland, seit zwei Jahren reist sie aus politischen Gründen nicht mehr in ihre Heimat. Nachdem sie sich in einem Ted-Talk zu ihrer Bisexualität bekannt hatte, habe sie „viel Diffamierung und Beleidigungen“ erlebt. Noch vor kurzem sei Istanbul „das Hoffnungszentrum für sexuelle Minderheiten im gesamten Nahen Osten“ gewesen. Nun nähmen in der Türkei insgesamt „Sexismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit“ zu.²

¹Rheinische Post ²Der Tagesspiegel

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