Bundesdeutsche Zeitung

Laschet hat nur einen Schuss frei

Hauptkonkurrent für die CDU in Sachsen-Anhalt ist die AfD. Deshalb haben die Christdemokraten hier den kantigen, konservativer wirkenden Söder als Zugpferd im Ringen mit der Konkurrenz bevorzugt. Mit dem weich und liberal wirkenden Laschet gewinnt man angeblich nicht rechts der Mitte. CDU-Landeschef Sven Schulze hat entsprechend am Dienstag den Spagat versucht: Er hat Laschet Loyalität versprochen – wünscht sich im Wahlkampf aber lieber Auftritte vom Konservativen Friedrich Merz.

Laschet ist also ein Kandidat, den ein erheblicher Teil seiner eigenen Parteifreunde nur für die zweite Wahl hält. Er sollte sich nicht damit begnügen, dass es einer gewissen Angela Merkel mal ähnlich ging. Will der 60-Jährige tatsächlich ins Kanzleramt einziehen, muss er die offen daliegenden Risse in der Union kitten und seine Partei hinter sich versammeln. Zeit und Ort der ersten Etappe sind schon klar: sofort und in Sachsen-Anhalt.¹

Der CDU-Chef startet nach dem irrationalen Machtkampf gegen Söder mit dem Rücken zur Wand in den Wahlkampf.

Im verlustreichen Kampf um Merkels Erbe ist Armin Laschet übrig geblieben. Am Ende hat sich der Rheinländer die Kanzlerkandidatur ertrotzt – gegen die öffentliche Meinung, gegen die CSU, gegen weite Teile seiner eigenen Parteibasis, gegen manches Führungsmitglied der CDU. Zur Bundestagswahl wird es nicht mehr darauf ankommen, mit welcher Haltungsnote Laschet seine Kandidatur gewonnen hat. Dennoch startet er nach dieser irrationalen öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Rücken zur Wand in den Wahlkampf.Laschet gilt als Meister Integration. Es wird ihn aber viel Zeit und Kraft kosten, seine Kritiker, seine Gegner und die in Teilen wütende Basis auf sein Ziel, die Kanzlerschaft, zu verpflichten.

Zeit und Kraft, die er eigentlich für seinen Wahlkampf gegen die mit Annalena Baerbock an der Spitze sehr gut aufgestellten Grünen und eine kampfeslustige SPD braucht. Zeit und Kraft, die er für die Entwicklung eines Wahlprogramms und einer überzeugenden Kampagne benötigt. Zeit und Kraft, die es ihn kosten wird, das durch die Auseinandersetzungen zerschlagene Familien-Porzellan der Union zusammenzufegen. Nicht zu vergessen: Zeit und Kraft, die er auch noch als Ministerpräsident in NRW braucht, um dort die Pandemie zu bekämpfen.Dabei müsste Laschet jetzt zum Angriff blasen. Wenn er nach 16 Jahren Merkel, nach denen die CDU inhaltlich entleert und müde regiert dasteht, die Union im Kanzleramt halten will, geht das nur mit frischen Ideen, Aufbruch und Neustart. Von all dem ist bislang bei der Union nichts zu spüren.

Stattdessen macht sich im Land Wechselstimmung breit. Ein wenig wie am Ende der Ära Kohl, als SPD und Grüne ein zwar solide geführtes, aber dringend reformbedürftiges Land übernahmen. Diesen Reformstau gibt es nun wieder. Wenn die Pandemie abgeklungen ist, werden sich im Sommer die Defizite auf den Feldern Bildung, Digitalisierung, Wirtschaft und Klima umso stärker zeigen. Die Grünen – seit 16 Jahren im Bund in der Opposition – treten an, in eben diese Wunden ihren Finger zu legen und neue Konzepte anzubieten.Während die Grünen mit ihrer Spitzenkandidatin derzeit wie ein Gesteinsblock in der Landschaft stehen, wird Laschet im Wahlkampf an vielen Fronten kämpfen müssen. Die CSU wird kreativ genug sein, ihn mit irgendeinem Thema zu piesacken, das das Aufreger-Potenzial von Ausländer-Maut oder Mütterrente besitzt.

Die CSU wird Laschet zum Getriebenen im Wahlkampf machen. Auch in seiner heimischen Regierung mit den Liberalen dürfte es in den Monaten vor der Bundestagswahl ungemütlicher werden.Laschet droht also vor allem Ungemach aus den eigenen Reihen. Für Grüne und SPD ist er hingegen ein schwieriger Gegner. Er war und ist ein Politiker der Mitte, ein Pro-Europäer, ein weltoffener Rheinländer. Er bietet in seiner umarmenden Art der Kommunikation wenig Angriffsfläche. Grüne und SPD werden auf die Fehler warten müssen, die er macht, wenn er unter Feuer aus den eigenen Reihen steht oder wenn in NRW was schiefläuft. Diese Fehler werden gewiss passieren.Söder hat dem Rivalen seine Unterstützung nur halbherzig zugesagt. Man wird sich im Wahlkampf noch an den Satz seines Generalsekretärs erinnern, der den Chef als „Kandidaten der Herzen“ bezeichnet.

Die CSU wird es immer wieder jucken, unter Beweis zu stellen, dass Söder der Bessere gewesen wäre. Am besten ließe sich das durch ein grandioses Abschneiden der CSU in Bayern und einer Niederlage der CDU im Bund belegen. Laschet hat jedenfalls nur diesen einen Schuss am 26. September frei. Sollte er nicht Kanzler werden, wäre auch seine Karriere beendet, als Parteichef und mutmaßlich 2022 als Ministerpräsident in NRW.²

¹Mitteldeutsche Zeitung ²Eva Quadbeck – Mittelbayerische Zeitung

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