Urteil im Schlecker-Verfahren: Keine Genugtuung

Schlecker-Prozess

Insolvenzverursachung ist kein Straftatbestand. Ein Mensch kann nicht für sein Scheitern bestraft werden – weder der kleine Bauer noch der große Unternehmensmanager. Anton Schlecker wurde wegen Bankrotts verurteilt. Dass er obendrein durch falsche unternehmerische Entscheidungen sein Lebenswerk zerstört hat und damit seine Beschäftigten auf die Straße setzen musste, ist durchaus verwerflich. Juristen geht das aber nichts an. Mittelbayerische Zeitung

Veröffentlicht am Dienstag, 28.11.2017, 8:54 von Magnus Hoffestett

Anton Schlecker ist trotz all seiner Fehler zugute zu halten, dass er als „eingetragener Kaufmann“ mit seinem ganzen Vermögen gehaftet hat. Er hat Unsummen in die Firma gepumpt, weil er überzeugt war, dass es noch Rettung gibt. Während die Kinder unter anderem mit überhöhten Rechnungen Geld aus der Konkursmasse abgezogen haben. Ginge es nach dem Gerechtigkeitsempfinden früherer Mitarbeiter, wäre Anton Schlecker wohl ins Gefängnis gegangen. Eine Genugtuung ist das Urteil für viele nicht. Richter jedoch haben nach den Buchstaben des Gesetzes zu urteilen. Daran gemessen, hat das Landgericht harte Strafen verhängt. Straubinger Tagblatt

Anton Schlecker, Ex-Patriarch, Bankrotteur und gescheiterte Kaufmannsperson, ist haarscharf am Knast vorbei gekommen. Für viele der berühmten „Schlecker-Frauen“ muss das wie ein ungerechtes Urteil, wie ein falscher Schlussstrich erscheinen. Aber es ist ein vertretbares Urteil. Anders als viele große Manager hat sich Schlecker Senior, nach allem was man weiß, nicht persönlich bereichert. Er ist als gescheiterte Existenz auf der Strecke geblieben. Eine ehrliche Entschuldigung bei seinen Ex-Angestellten, seinen Opfern, für deren entstandene familiäre und berufliche Not hat er nicht zustande gebracht. Für ein Mindestmaß an Anständigkeit fehlten ihm wohl der Mumm und die Größe. Vieles von dem, was Schlecker und seiner Geschäftsidee anzukreiden ist, ist unsozial, aber nicht justiziabel.

Geblieben ist die Erkenntnis, dass einer privat und als ungelernter Kaufmann ins Risiko gegangen ist, dass er mächtig und vielleicht auch gierig wurde. Und jetzt ist dem Milliardär von einst nur noch der Unterschlupf bei seiner recht vermögend gewordenen Frau geblieben. Die Kinder wird er wohl zeitweilig in der Zelle besuchen können. Das geschieht der Familie recht, die nach dem Bankrott zur falschen Zeit die irreführende Nachricht der Öffentlichkeit zurief: „Verstehen Sie, es ist nichts mehr da!“ Das war eine Verhöhnung der Schlecker-Generation. Und es war eine miserable Vorstellung, denn später wurden doch ein paar Millionen für den Insolvenzverwalter überwiesen. Es war auch ein Hinweis darauf, dass im Gegensatz zu ihrem gescheiterten Vater die Kinder dachten, sie könnten mit Tricks den Rechtsstaat ausmanövrieren. Sie haben sich die Zeit für Buße auf dem Weg zur Einsicht verdient. Anton Schleckers Idee war es, billigste Arbeitskräfte einzukaufen und im großen Stil Drogerieartikel zu verkaufen. Ihm brachte das zeitweilig Milliarden ein, Tausende von Schlecker-Frauen blieben beim Bankrott auf der Strecke. Der Metzgermeister hatte kein unternehmerisches Format.

Das ist nicht strafbar. Gesellschaftspolitisch ist Schleckers Verhalten schlicht saumäßig. Wäre ein solches ethisches und unternehmerisches Versagen justiziabel, dann müssten aber in Deutschland flächendeckend neue Knäste gebaut werden. Air Berlin ist vom Markt verschwunden, aber der letzte Vorstandschef Thomas Winkelmann hat sich trotz knallharter Pleite vier Millionen Euro Gehalt bis 2021 absichern lassen. Bei VW sitzen Bosse fest im Amt, die entgegen der Vernunft behaupten, sie hätten nichts von systematischer Schummelkriminalität mitbekommen. Im Siemens-Konzern hantieren Top-Manager eiskalt mit Arbeitsplätzen, nur um ihr unternehmerisch-strategisches Versagen zu kaschieren. Schlecker hat sich dümmer angestellt. Die anderen Manager-Versager sind deshalb aber nicht besser – eher im Gegenteil. Dieter Wonka, Berlin – Neue Westfälische

Für die rund 25 000 Schleckerfrauen, die vor fünf Jahren über Nacht ihren Job verloren, ist das Urteil gegen den früheren Drogerieunternehmer Anton Schlecker wohl allenfalls späte symbolische Genugtuung. Aus Sicht des 73-jährigen Vaters und Geschäftsmanns dürfte der Richterspruch trotz Bewährung einer Höchststrafe nahekommen: Tochter und Sohn müssen – vorbehaltlich einer Revision – in Haft, er selbst wurde des vorsätzlichen Bankrotts schuldig gesprochen. In familiärer wie in unternehmerischer Hinsicht steht der einstige Drogeriekönig vor den Trümmern seines Lebenswerks. Eingebrockt hat ihm das niemand anders als er selbst: Selbstherrlich und beratungsresistent fuhr er das schwäbische Familienunternehmen konsequent vor die Wand und wollte es bis zum Schluss nicht mal wahrhaben.

Er habe stets an das Überleben des Konzerns geglaubt, beteuerte er vor Gericht. Prozesstaktik? Eher ein Fall beinahe pathologischer Autosuggestion, wie er sich schlüssig in das Gesamtbild der Persönlichkeit Anton Schleckers fügt. Begünstigt wurde die Hybris an der Konzernspitze durch das deutsche Unternehmensrecht: Als eingetragener Kaufmann musste Schlecker auf keine Berater hören, keine Bilanzen vorlegen, den Angestellten keine Mitbestimmungsrechte einräumen. Die Kehrseite: Er haftet uneingeschränkt mit seinem Privatvermögen. Dem hat sich Schlecker mit Tricksereien zu entziehen versucht, doch nun bekommt er die saftige Rechnung für seine Unternehmensführung der einsamen Entscheidungen präsentiert. Die Urteilsverkündung in Stuttgart war nicht der letzte Zahltag. Frank Schmidt-Wyk – Allgemeine Zeitung Mainz

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