Exportweltmeister Deutschland schwächelt

Auf dem Niveau vor Lehman

Deutsche Unternehmen bewerten die Aussichten für Wachstum und wirtschaftliche Weiterentwicklung zunehmend pessimistisch. Das ist das Ergebnis des aktuellen, quartalsmäßig erhobenen Grant Thornton International Business Reports (IBR), einer Umfrage unter Führungskräften von rund 2.500 mittelständischen Unternehmen in 36 Ländern.

Veröffentlicht am Sonntag, 12.11.2017, 10:47 von Domenikus Gadermann

Lediglich 68% der befragten deutschen Unternehmen sehen mit Optimismus in die Zukunft. Im letzten Quartal waren es noch 76%. Vor allem die Chancen auf steigende Exportzahlen werden kritisch gesehen: Nur 20% der Unternehmen kommen hier zu einer positiven Bewertung- ein schlechtes Ergebnis für den „Exportweltmeister Deutschland“.

Zu diesem Wert tragen sicherlich auch die Sorgen der exportorientierten Wirtschaft zur geschäftlichen Entwicklung mit China bei, traditionell eines der Schlüsselländer deutschen Exports. Hinzu kommen Unsicherheiten vor dem Hintergrund instabiler weltpolitischer Einschätzungen.

„Wenn die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft hier mit einer schwierigen Entwicklung rechnet, gibt dies schon Anlass zur Sorge“ so Joachim Riese, Vorstandsvorsitzender und CEO von Warth & Klein Grant Thornton. „Auch wenn die deutschen Unternehmen im internationalen Vergleich noch Optimismus ausstrahlen, muss diese Entwicklung umsichtig beobachtet werden.“

Entsprechend der insgesamt gedämpften Stimmung rechnen auch lediglich 49% der deutschen Unternehmen mit einem Umsatzwachstum, gegenüber noch 74% im Vorquartal.

Und auch die übrigen Ergebnisse der Umfrage bieten aus deutscher Sicht wenig Anlass zur Freude: Nur 29% der deutschen Unternehmen rechnen mit steigenden Gewinnen. Zum Zeitpunkt der vorherigen Befragung waren es noch 54%.

Die Bereitschaft zu Neueinstellungen liegt mit 26% (44% im letzten Quartal) bei einem auffallend niedrigen Wert, ebenfalls ein Indikator für gedämpfte Zukunftserwartungen.

Wirtschaftsoptimismus weltweit intakt

Der aus dieser Studie abgeleitete Optimismus-Index notiert weltweit einen leicht reduzierten Wert von 49% gegnüber dem Allzeithoch von 51% im letzten Quartal. Die europäischen Unternehmen bewegen sich mit 57% auf einem nach wie vor hohen Niveau.

Amerikanische Unternehmen werden zunehmend pessimistischer: Zwar beurteilen solide 70% die Wirtschaftsaussichten positiv, gegenüber dem Wert von 81% im vergangenen Quartal verlieren sie jedoch 11 Prozentpunkte.

Eurozone im Aufwind

In Europa führen Finnland mit 92%, die Niederlande mit 88% und Österreich mit 83% das Optimismus-Ranking an, Deutschland folgt mit 68% auf Platz 4.

Während deutsche Unternehmen also eher kritisch die verschiedenen Parameter wirtschaftlicher Entwicklung sehen, beeindruckt die Eurozone mit vergleichsweise guten und stabilen Werten. Besonders bei den ökonomisch eher schwächeren Ländern der Eurozone gibt es eine positive Einschätzung der Wirtschaft. Italien blickt mit 48% gegenüber 34% im letzten Quartal deutlich zuversichtlicher in die Zukunft und auch irische Unternehmen sind mit 64% gegenüber 60% im 3. Quartal hoffnungsvoll eingestellt.

Joachim Riese sieht die Eurozone denn auch als Motor für eine wirtschaftliche Weiterentwicklung: „Die Ergebnisse des IBR unterstreichen, wenn auch graduell unterschiedlich, den Glauben der europäischen Unternehmen an ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die wirtschaftliche Erholung in Griechenland, Irland und Italien passt zu dieser Einschätzung und ist ein gutes Signal für alle übrigen Mitglieder der EU, aber auch darüber hinaus.“

Politische Unsicherheiten bleiben

Schlechte Stimmung beschreibt die Wirtschaftsaussichten im Vereinigten Königreich. Hier hinterlassen die Brexitverhandlungen deutliche Spuren: Nur 9% der britischen Unternehmen sind noch optimistisch hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Aussichten – 13% weniger als im ohnehin schon schwach bewerteten 2.Quartal 2017.

Neben den genannten Gründen für die schlechte Stimmung bei den britischen Unternehmen drückt aber auch beispielsweise die Unsicherheit über die Entwicklung in Katalonien auf die Stimmung: so fiel der Optimismus-Index in Spanien von 70% im letzten Quartal um satte 25 Prozentpunkte auf nunmehr 45%.

In Deutschland erwarten die Unternehmen jetzt nach der Bundestagswahl eine grundsätzlich stabile politische Basis. Aber auch die Erwartungen an eine wirtschaftsfreundlichere Politik sind da: Rund 39% der befragten deutschen Unternehmen wünschen sich eine stärkere politische Unterstützung durch die Bundesregierung. Karl-Heinz Heuser – Warth & Klein Grant Thornton

Auf dem Niveau vor Lehman

Von den Staatsanleihemärkten dies- und jenseits des Atlantiks kommen derzeit keine ermutigenden Signale hinsichtlich der Konjunkturentwicklung. Sowohl die Zinsstrukturkurve in den USA als auch die Renditekurve der Bundesanleihen, die allgemein als sehr verlässlicher Ratgeber in Sachen konjunktureller Dynamik gelten und damit den Pfad der Geldpolitik der jeweiligen Notenbank vorzeichnen, geben recht klare Richtungen vor. Am US-Markt hat sich die Kurve stark verflacht, bei der Bundkurve läuft diese Tendenz seit rund zwei Monaten. Unter einer normalen Zinsstrukturkurve versteht man, dass die langfristigen Zinsen über den kurzfristigen Zinsen liegen. Beim Laufzeitenband wählt man gemeinhin den Abstand zwischen den zwei- und zehnjährigen Fälligkeiten der jeweiligen Staatsanleihen. Läuft die Konjunktur rund – und droht sie vielleicht in eine Hochkonjunktur mit Überhitzungserscheinungen überzugehen -, muss die Notenbank auf längere Sicht mit höheren Zinsen dagegen ansteuern. Das zeigt die normale Kurve am Markt dann schon an, indem die langen Zinsen eben über den kurzen Sätzen sind. Umgekehrt sieht es bei einer inversen Zinsstruktur aus, bei der die langfristigen Zinsen in Gestalt der zehnjährigen Staatsanleiherenditen unter den kurzfristigen, d.h. zweijährigen Staatstitelrenditen liegen.

Die Wirtschaft geht in die Rezession über oder befindet sich in derselben, weshalb die Notenbank mit Zinssenkungen/niedrigen Zinsen gegen die konjunkturelle Schwäche ankämpfen muss, d.h. die Wirtschaft via Geldpolitik stimuliert. Das bildet der Markt vorab über die inverse Zins-/Renditestruktur ab. Von der normalen zur inversen Zinsstruktur gelangt der Markt über die Verflachung der Zinsstruktur, d.h. die langfristigen Zinsen fallen, und die kurzfristigen Zinsen/Renditen fallen nicht so stark oder steigen leicht an. Der Gradmesser der Verflachung ist der Abstand der Anleiherenditen zwischen dem kurzen und langen Laufzeitenende. Am US-Staatsanleihemarkt beträgt dieser Abstand nun knapp unter 70 Basispunkte (BP) oder 0,7 Prozentpunkte, denn die zehnjährigen US-Rentenpapiere werfen um die 2,33% ab, die zweijährigen US-Titel um die 1,64%. Man muss schon lange suchen, bis man einen derartig engen Abstand zwischen diesen beiden Laufzeiten in der Vergangenheit findet: Es ist die geringste Differenz dieser beiden Renditewerte seit einem Jahrzehnt, letztmalig im November 2007, also knapp ein Jahr vor der Lehman-Pleite zu beobachten. Die Anleger stellen sich demzufolge darauf ein, dass die US-Wirtschaft in nächster Zeit in den Abschwung übergeht – nach neun Jahren Aufschwung vielleicht nicht die allergrößte Überraschung.

Das würde dann auch bedeuten, dass sich die US-Notenbank Fed mit ihrem nächsten Zinsschritt nach oben etwas beeilen sollte, denn für den Abschwung muss sie sich wieder (Zins-)Pulver zur Seite legen, damit sie der Wirtschaft später über Zinssenkungen wieder unter die Arme greifen kann. Allerdings läuft sie bei weiteren Zinserhöhungen verständlicherweise auch Gefahr, dass sie sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, die Wirtschaft über Zinserhöhungen abgewürgt zu haben. Wobei in diesem Zusammenhang immer noch zu berücksichtigen ist, dass sie bislang offenkundig keinen aggressiven Kurs in der Zinsanpassung nach oben gefahren ist. Eurozone zieht nach In der Eurozone ist es nicht so drastisch wie in den USA, aber die Entwicklung ist auch nicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen knapp zwei Monaten hat sich auch hier die Bundkurve abgeflacht. Betrug der Abstand zwischen zwei- und zehnjährigen Bundrenditen in der zweiten Septemberhälfte noch knapp 120 BP oder 1,2 Prozentpunkte, sind es etwas weniger als 110 BP bzw. unter 1,1 Prozentpunkte. Rund 10 BP sind gewiss nicht die Welt und noch lange kein Grund, in Panik zu verfallen und die Rezession auszurufen. Aber man sollte es vielleicht auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Geht es nämlich unter die 100 BP oder 1-Prozent-Marke, ist der Markt auch hierzulande offensichtlich nicht mehr weit vom US-Niveau entfernt.

Für die Europäische Zentralbank (EZB) wäre das gewiss keine wünschenswerte Entwicklung. Kommt es nämlich zum Abschwung – vielleicht sogar im Sog der US-Wirtschaft -, wird es mit dem Ausstieg aus der ultralaxen Geldpolitik (Quantitative Easing) wohl so schnell nichts werden. Vielmehr wäre die Wirtschaft darauf angewiesen, weitere Unterstützung durch die Währungshüter zu bekommen. Eine Fortsetzung von QE wäre somit wahrscheinlich. Kurzum: An dem mittlerweile Jahrtausende andauernden Zins-/Renditeverfall wird sich wohl auch in naher Zukunft wohl kaum etwas ändern. Kai Johannsen – Börsen-Zeitung

Ihre Meinung ist wichtig!