Brexit Vater Boris Johnson bleibt im Hintergrund

Cameron-Nachfolge

Ausgerechnet Johnson. Ausgerechnet derjenige, der sich dem Brexit-Lager vor allem deswegen angeschlossen hatte, um Cameron zu beerben. Der dann das Unmögliche vollbrachte: Die Briten vom Brexit zu überzeugen. Und der sich jetzt dem Wettbewerb um den Vorsitz nicht stellen will, weil er seine Felle davonschwimmen sieht. Viele sehen in ihm jetzt den ultimativen Opportunisten und Feigling. Jochen Wittmann – Badische Neueste Nachrichten

Veröffentlicht am Montag, 04.07.2016, 9:05 von Gudrun Wittholz

Was für elitäre Feiglinge! Der eine (Cameron) führt sein Land zum Zweck des innerparteilichen Machterhalts aus der EU und macht sich aus dem Staub, und der andere (Johnson) zieht sich nach dem Rücktritt seines Widersachers aus der Verantwortung. Boris Johnson hat das Privatduell gegen David Cameron gewonnen. Ging es dem irrlichternden Exzentriker etwa nur darum? Nein, Johnson wollte Premier und damit Camerons Nachmieter in Downing Street 10 werden. Aber er hat eingesehen, dass er weder dem Volk noch der Partei vermittelbar ist. Die Wut auf den Trickser und Lügner, der seine Versprechen aus dem Brexit-Wahlkampf schon am Tag nach dem knappen Sieg kassieren musste, ist groß und hält. Dieser fragwürdige Erfolg kann für Johnson unmöglich folgenlos bleiben. Eines hat man ihm auch im Ausland nicht abgenommen: den Wandel vom polyglotten Bürgermeister einer europäischen Weltstadt, der Olympia 2012 in London zu einem Fest machte, zum Befürworter von anti-europäischer Kleinstaaterei. Ist Boris Johnsons politische Karriere vorbei? Hoffentlich! Westfalen-Blatt

Boris Johnson verliert den Brexit

Er will nicht. Dass der ehemalige Londoner Bürgermeister und populäre Brexit-Befürworter Boris Johnson sich nicht um die Nachfolge des Premierministers David Cameron bewirbt, überrascht. Der langjährige Weggefährte und Rivale Camerons gilt trotz oder wegen seiner kauzig-exzentrischen Art als beliebt und vor allem als ehrgeizig. Als einer der bekanntesten und lautesten Sprecher der Austrittskampagne stünde ihm jetzt der Weg in die Downing Street offen, meinten viele. Doch der vermeintliche Sieg war eine Niederlage. Schon kurz nach der Entscheidung der Briten, aus der Europäischen Union (EU) auszutreten, wirkte Johnson eher erschrocken als triumphierend. Schnell lobte er die engen Beziehungen zur EU, die in Zukunft noch enger werden sollten. Ein Widerspruch zu seiner Aussage während des Referendum-Wahlkampfs, als er die EU mit Hitlerdeutschland verglich.

Der Verdacht liegt nahe, dass Johnson in der Brexit-Kampagne vor allem eine Möglichkeit sah, sich gegenüber dem angeschlagenen Premier zu profilieren. Ein Referendum mit vielen – wenn auch nicht genug – Stimmen für einen Austritt hätten seine Position in Partei und Öffentlichkeit stärken können und ihn zum Führer der innerparteilichen Opposition gemacht. Bei den nächsten regulären Wahlen hätte er als europakritischer Konservativer gute Chancen gehabt. Stattdessen kneift der Politiker, der sich während seiner Zeit als Londons Bürgermeister gerne filmen ließ, wie er mit der Polizei auf große Drogenrazzia ging, vor dem Szenario, welches er angeblich so sehnlichst herbeigewünscht hat. Den langandauernden, schwierigen Prozess der Austrittsverhandlungen überlässt Johnson anderen. Der Populist hat seine Aufgabe erledigt, um die Inhalte sollen sich jetzt andere kümmern.

Johnson steht damit stellvertretend für die Wähler, die dem Brexit aus Protest zustimmten, aus einem Gefühl heraus, endlich gehört werden zu wollen. Wie Wählerbefragungen zeigen, glaubten viele nicht an den Erfolg der Austrittskampagne oder hatten keine Ahnung von den Konsequenzen. Nach Schlagwörtern wie „Brexit“ und „Bremain“, die komplizierte Sachverhalte in Hashtags auszudrücken versuchen, macht jetzt „Regrexit“ die Runde, abgeleitet vom englischen Wort für „Bedauern“. Doch jetzt ist es zu spät. Das Vereinte Königreich tritt aus der Europäischen Union aus und man hat das Gefühl, eigentlich will das niemand so richtig – außer vielleicht der seit Tagen nur noch mit einem „Ich-hab-es-doch-gesagt“-Grinsen herumlaufende Nigel Farage und seine Ukip-Anhänger. Die etablierten Parteien, vor allem Teile der Tories, haben sich auf sein populistisches Spiel eingelassen.

Cameron hat, in die Ecke gedrängt, einer Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft zugestimmt. Die Aufkündigung des europäischen Projekts wurde zu einem taktischen Element politischer Machtspiele. Dass das Referendum offenbar von vielen Briten als Chance zur Abrechnung mit der politischen Elite gesehen wurde, befeuert die Diskussion um den Nutzen und die Gefahren direkter Demokratie. Bei Volksentscheiden wird nicht selten impulsiv und emotional abgestimmt. Es gibt Entscheidungen, bei denen das nicht weiter ins Gewicht fällt oder sogar hilfreich ist. Doch gibt es die repräsentative Demokratie aus gutem Grund.

Wir wählen Repräsentanten, denen wir zutrauen unsere Interessen zu vertreten – und mit Bedacht über komplizierte Themen zu entscheiden. So kann verhindert werden, dass ein temporäres, diffuses Stimmungsbild wichtige langfristige Entwicklungen bestimmt. In den USA nutzten Kommentatoren das Referendum als mahnendes Beispiel für die Präsidentenwahl: Populismus und Protestwählen können ernste Konsequenzen haben. Eine solche Erkenntnis wäre auch in Deutschland eine positive Folge des Brexit – wenn auch eine teuer erkaufte. Martin Anton – Mittelbayerische Zeitung

Was derzeit in Großbritannien passiert, hat viel von Realsatire. Nur ist das Bild, das die Briten von sich abgeben, alles andere als lustig. Die Parteien zerfleischen sich in Führungsstreits, das Land ist gespalten wie nie, durch die Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Man kann es als tragisch bezeichnen, wie sich ein Land selbst in die Krise gestürzt hat. Wer zieht es aber wieder heraus? Monatelang galt Boris Johnson als Favorit für die Nachfolge Camerons. Nun plötzlich will er nicht mehr. Offenbar hat jener Mann, der als Wortführer maßgeblich am Erfolg der EU-Gegner beteiligt ist, kalte Füße bekommen. Die ganze Geschichte lief nicht so, wie er sie sich erdacht hatte. Glaubt man Kollegen von Johnson, hatte er auf einen knappen Sieg der EU-Freunde gesetzt. Das hätte ihn als Europaskeptiker geadelt und sein Ansehen gesteigert. Am Ende wäre er mit einem Ministerposten belohnt worden und hätte in wenigen Jahren mit mehr Erfahrung und Rückendeckung aus dem Kabinett den Parteivorsitz und das Amt des Premiers übernehmen können. Nun kam alles ganz anders. Plötzlich fordern jetzt alle Seiten Antworten von Boris Johnson. Antworten, die er gar nicht hat. Katrin Pribyl – Weser-Kurier

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  1. Anonymous Montag, 4. Juli 2016, 18:29 um 18:29 - Reply

    Es zeigt einfach das man überhaupt keinen Politikern trauen darf.

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