Gesetze helfen nicht: De Maizière bittet Flüchtlingshelfer um Wachsamkeit

Die Angst im Alltag

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat nach dem Axt-Attentat von Würzburg Helfer und Betreuer von Flüchtlingen dazu aufgefordert, sich bei Hinweisen auf eine islamistische Radikalisierung rasch an die staatlichen Beratungsstellen zu wenden. Die Arbeit der Ehrenamtler und Pflegefamilien sei für das Gemeinwesen „unendlich wertvoll“, sagte de Maizière dem Berliner „Tagesspiegel“. „Klar ist aber auch, dass wir alle aufeinander achten sollten und dass bestimmte Entwicklungen nur im engeren Umfeld eines Menschen wahrgenommen werden können.“ Die Beratungsstelle Radikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sei in solchen Fällen die richtige Adresse. Der Tagesspiegel

Veröffentlicht am Montag, 25.07.2016, 9:39 von Gudrun Wittholz

Langsam lichtet sich das Dunkel über der Tat von München und allmählich schält sich heraus, was den 18-jährigen David S. dazu trieb, neun Menschen kaltblütig zu erschießen. Je näher wir der Wahrheit kommen, desto klarer wird, dass der Chor derer, die politische Konsequenzen nach den Schüssen von München fordern, schlicht daneben liegt. Weder schärfere Waffengesetze noch ein Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Terrorabwehr lassen sich aus dem Amoklauf von München ableiten. All das hätte die Tat nicht verhindert, keines der Opfer wäre dadurch gerettet worden. Thomas de Maizière, Joachim Herrmann oder Sigmar Gabriel verdeutlichen letzten Endes nur die Hilflosigkeit der Politik gegenüber einem verstörten und offensichtlich psychisch kranken Einzeltäter.

Wir wollen, wir müssen etwas tun, scheint die Devise. Nutzen wird es am Ende gar nichts. Unsere Gesetze sind nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden längst verschärft worden. Gegen die kriminelle Beschaffung einer Waffe im kaum kontrollierbaren Darknet, wie es offensichtlich David S. getan hat, bleiben sie ohnehin wirkungslos. Es gibt keine Patentrezepte, keine Formel oder gar Gesetze, die die Radikalisierung eines solchen Attentäters verhindern könnten. Hunderttausende Jugendliche wachsen in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen wie David S. auf. Sie sind fasziniert von den gleichen Egoshooterspielen, schauen die gleichen TV-Serien, sind tagtäglich mit virtueller Gewalt konfrontiert. Dennoch werden sie nie zu Tätern. Es bedarf endlos vieler Puzzleteile, bis aus einem unauffälligen jungen Menschen ein potenzieller Attentäter wird, der fähig ist, eine so unendlich grausame Tat wie David S. zu begehen. Selbst die so oft beschworene Prävention ist an dieser Stelle überfordert.

Sie kann nur helfen, Verhaltensweisen zu deuten und erste Symptome zu entschärfen. Dazu muss sie aber auch die Betroffenen erreichen – was oft nicht gelingt. David S. drehte dieses Prinzip sogar um: Das bei ihm gefundene Buch „Amok im Kopf“ beschreibt die Psyche von „Schoolshootern“ und soll helfen, sie zu verstehen und eben diese Taten zu verhindern. Der junge Deutsch-Iraner nutzte offensichtlich dieses Werk, um die Schüsse von München vorzubereiten. Ein eindeutiges Erklärungsmuster wird es für diese Tat nicht geben und deshalb ist es so schwer, mit ihr umzugehen. Wir alle – Eltern, Pädagogen, Freunde – sind aufgefordert, genauer hinzusehen. Wenn jemand stumm wird, sich von allem abwendet, sich zurückzieht. Diese Pflicht kann uns kein Gesetz abnehmen.

Die Angst im Alltag

München: Erfahrungen, Reaktionen, Konsequenzen

Dass unser Alltag aus den Fugen geraten sei, beherrscht die Grundstimmung vieler Menschen. Je nach Gemüt schwankt sie zwischen Sorge und Skepsis, Angst und Panik, Vermutungen und Vorurteilen. In (zu) vielen Medien begegnen wir ähnlichen Phänomenen. Sie zeigen sich in überflüssigen Fragen, in kaum zu ertragenden „Analysen“ sogenannter Terrorismus-Experten, in den Endlosschleifen von Wiederholungen, in der Arroganz, trotz Nicht-Wissens zu spekulieren. Es wird erklärt, was noch gar nicht feststeht: Terroristen? Rechtsextremisten? Islamisten? Amokläufer? Wer keine telegene Deutungshoheit hat, ist selber schuld. Verantwortungsbewusste Politiker haben sich mit solchen Spontan-Erklärungen zurückgehalten: Horst Seehofer und sein Innenminister Joachim Herrmann, Angela Merkel und ihr Innenminister Thomas de Maizière. Daran gibt es ebenso wenig zu kritisieren wie an den sachlichen Bemerkungen etwa von Sahra Wagenknecht. Das sah im rechten Lager anders aus. “ „Abscheu den Merklern und Linksidioten, die Mitverantwortung tragen.“ (André Poggenburg, AfD-Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt).

Dass solche Hetzer in Deutschland gewählt werden, ist ernüchternd. Erhellend dagegen ist die Leistung der Münchener Polizei. Ihre abendliche und nächtliche Krisenkommunikation ließ keinen Raum für Spekulationen. Diese beispielhafte Souveränität, die (scheinbare?!) Gelassenheit während der Fahndung und mitten im Ausnahmezustand der Metropole sowie die Kompetenz im Umgang mit den Medien trägt – stellvertretend für die gesamte Behörde – einen Namen: Marcus de Gloria Martins. Die besonnene Art des Münchener Polizeisprechers war großartig. Das Gegenteil lieferten – wieder einmal – Verrückte in den Netzwerken des Internets. Dazu gehörten eindeutig strafbare Handlungen: Fehlalarme und das Posten von Fakes, etwa angebliche Fotos aus der Münchener U-Bahn, die tatsächlich aus Südafrika stammten, oder Schwerverletzte vor einem weiteren Einkaufszentrum, die aber bei einer Katastrophenschutzübung in Manchester fotografiert wurden. Das ist nicht nur ein mieses Spiel mit der Angst, sondern kriminell und muss konsequenter verfolgt und bestraft werden. Möglich wäre das.

Es gibt analoge Gegenentwürfe: Das sind ganz besonders die vielen Münchenerinnen und Münchener, die den gestrandeten Passanten und Touristen halfen, die nicht mehr mit U- und S-Bahn, Taxi oder Bus fahren konnten und sie bei sich zu Hause aufnahmen. Chapeau! Das Vertrauen wildfremder Menschen zueinander ist die beste Antwort auf Terror, Horror, Amok. Dieses menschliche Grundmuster zeigt: Es gibt analoge Werte, die wir nicht verloren haben. Sie sind die humane Reaktion auf manche Verkommenheit, zunehmende Respektlosigkeit und den globalen Virus der Menschenverachtung und auch auf dschihadistische Propaganda. Diesen Zusammenhalt schaffen nicht alleine Polizei, GSG 9, Militär oder Politik, das schaffen nur: wir alle. Bernd Mathieu – Aachener Zeitung

5 Meinungen bis jetzt. Fühlen Sie sich frei der Diskussion beizutreten.

  1. Dreist Donnerstag, 28. Juli 2016, 18:00 um 18:00 - Reply

    Richtig verstanden ?
    De Maiziére ruft jetzt die Bevölkerung auf, das Totalversagen der Politiker in Berlin auszulöffeln und schiebt die Verantwortung einfach auf die vollkommen schutzlos ausgelieferte Bevölkerung ab mit dem Statement „Gesetze helfen nicht“.
    Dreister gehts wohl kaum.
    Was für ein politischer Abschaum !

  2. Treist Donnerstag, 28. Juli 2016, 17:57 um 17:57 - Reply

    Richtig verstanden ?
    De Maiziére ruft jetzt die Bevölkerung auf, das Totalversagen der Politiker in Berlin auszulöffeln und schiebt die Verantwortung einfach auf die vollkommen schutzlos ausgelieferte Bevölkerung ab mit dem Statement „Gesetze helfen nicht“.
    Treister gehts wohl kaum.
    Was für ein politischer Abschaum !

  3. Anonymous Dienstag, 26. Juli 2016, 22:19 um 22:19 - Reply

    Wie viele Menschen in Deutschland müssen noch Sterben bis der Staat wieder seine Hoheitsaufgaben erfüllt und seine Bürger schützt?
    Frau Merkel, an ihren Händen klebt Blut: und nicht wenig!

  4. Anonymous Dienstag, 26. Juli 2016, 22:11 um 22:11 - Reply

    Der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster hat nach dem islamistischen Attentat durch einen syrischen Asylbewerber im bayerischen Ansbach ein Ende der Willkommenskultur gefordert. „Wir bruchen eine Abschiedskultur“, sagte Schuster den Stuttgarter Nachrichten.

    Der CDU-Innenexperte beklagte, daß zu wenig abgelehnte Asylbewerber abgeschoben würden. Es gebe mehr als 200.000 Asylsuchende, die Deutschland eigentlich wieder verlassen müßten. „Die schleppen wir bei allen neuen und zusätzlichen Problemen immer mit“, warnte er. Hier sei der Rechtsstaat mitunter zu nachlässig. „Für manche entsteht der Eindruck, sie könnten sich alles erlauben, weil sie gar nicht verstehen, wie milde der Staat bei Gesetzesverstößen reagiert.“

  5. Anonymous Montag, 25. Juli 2016, 11:52 um 11:52 - Reply

    IS Hochburg Deutschland – 150.000 Eingereiste nicht in Kerndatenbank

    Terror mit System – Die Strategie des IS: Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ betreibt offenbar eine Art Koordinationsbüro, über das Aktionen in Europa abgestimmt werden. Mit Hilfe dieses Büros werden angeblich auch Deutsche gesucht, die hier Anschläge verüben wollen.
    Veröffentlicht am Dienstag, 07.06.2016, 9:58 von BZ-Redaktion

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