Höherer US-Leitzins: Zeichen für Optimismus oder Verzweiflungstat

Die 2. Säule: Fed erhöht Leitzins

Die Zinswende markiert eine Zeitenwende. Es wäre wünschenswert, dass die Fed damit der Euro-Notenbank EZB den Weg vorgibt. Doch von einem Kurswechsel ist die EU noch weit entfernt. Für viele Menschen bricht mit dem Zins ein Teil ihrer Altersvorsorge zusammen; viele Firmen können die Betriebsrenten kaum noch finanzieren, und der Wert der Ersparnisse schmilzt dahin: Das Sparen wird zur Untugend. Immerhin – die deutsche Wirtschaft schnurrt vor sich hin. Doch auch dieser Boom ist nicht ganz echt, denn der niedrige Euro macht die deutschen Exporte im Ausland günstiger. Die deutsche Wirtschaft erscheint stärker als sie ist. Stuttgarter Nachrichten

Veröffentlicht am Donnerstag, 17.12.2015, 8:29 von Domenikus Gadermann

Mit der Zinsanhebung signalisiert die Fed nun, dass die schlimmen Zeiten der Finanzkrise endgültig vorüber sind. Sie verbreitet damit Optimismus. Der ist wichtig. Ohne positive Einschätzung der Zukunft wird kaum investiert und weniger konsumiert. Natürlich birgt eine Zinserhöhung Risiken. Industriefirmen in gebeutelten Schwellenländern, die sich in Dollar verschuldet haben, werden unter steigenden Zinsen ächzen.

Die US-Industrie fürchtet um ihre Exporte, weil höhere Zinsen zu Hause die eigene Währung in der Tendenz teurer machen und so die Ausfuhr unter Druck setzen. Der Dollar hat jedoch schon aufgewertet, weil die Fed ihre Entscheidung klar kommunizierte. Der kleine Zinsschritt wird die Welt jedenfalls nicht aus den Angeln heben. Gefahr droht nur, wenn der Leitzins in der nächsten Zeit zu schnell erhöht wird. Doch dieses Risiko ist gering. Fed-Chefin Janet Yellen ist keine geldpolitische Scharfmacherin. Bernd Kramer Badische Zeitung

US-Geldpolitik

Jetzt aber den Fuß aufs Gas und schnell nach Hause, bevor das Benzin alle ist! Genau so kommt einem die gestrige Zinsanhebung der US-Notenbank vor – ein Akt der Verzweiflung: Jetzt bloß noch schnell die Zinsen anheben, bevor die Schwäche der US-Wirtschaft es nicht mehr zulässt.

Denn eines ist klar: Der Beginn der nächsten ausgeprägten Schwächephase der US-Wirtschaft liegt näher, als das Ende der vorigen Rezession entfernt ist. Die Fed war geradezu gezwungen, den Leitzins anzuheben, ist ihr doch bewusst, dass sie diesen Schritt nicht mehr vornehmen kann, wenn die Wirtschaft erst mal richtig im Abwärtsmodus ist. Gehen musste sie diesen Schritt aber auch noch aus einem ganz anderen Grund: Sie konnte die Märkte schlichtweg nicht noch mal hinhalten. Zu oft hatte die Fed das nun schon gemacht und damit immer auch die Unsicherheit in den Märkten geschürt. In dieser Hinsicht hat Yellen nun geliefert – getreu der Devise: besser spät als nie.

Und wie geht es weiter? Ist das nun der große Trendwechsel, der auch an den Bondmärkten zu deutlich höheren Renditen führt und damit die Probleme der Nullzinswelt löst? Mitnichten! Die US-Konjunkturdaten signalisieren klar, wo die Reise hingeht. Der US-Einkaufsmanagerindex (ISM) fiel im November unter die Marke von 50 Punkten. Damit zeigt das Barometer erstmals seit drei Jahren kein Wachstum mehr an, die US-Wirtschaft ist auf dem absteigenden Ast. Es wurde also höchste Zeit für die Zinsanhebung, die nun auch noch – wenn auch nur sehr wenig – dämpfend wirkt.

Hinzu kommt, dass Chinas Wachstumsmotor ganz kräftig stottert. Die Sorge um die Wirtschaft im Reich der Mitte spiegelt sich auch an den Rohstoffmärkten wider. Der Ölpreis und die Notierungen der Industriemetalle etwa sind seit geraumer Zeit kräftig unter Druck. Das bekommt auch die US-Wirtschaft zu spüren, genauso wie den festeren Dollar, mancher rechnet für 2016 mit der Parität, denn die Europäische Zentralbank setzt das Quantitative Easing (QE) in leicht ausgeweiteter Form fort.

Das ist nicht gerade das Umfeld, das für schnelle US-Leitzinsanhebungen und Renditesteigerungen am Bondmarkt spricht. Man könnte fast schon meinen, die Fed ist näher an einer Leitzinssenkung als an der nächsten Anhebung. Und wer weiß: Sollte die US-Wirtschaft unter den genannten Faktoren 2016 stärker leiden, als das bis jetzt abzusehen ist, muss die Fed vielleicht doch wieder mit dem Fuß aufs Gaspedal treten, will heißen auf QE-Modus umschwenken. Dafür hat sie sich gestern den ersten kleinen Spielraum verschafft. Kai Johannsen www.boersen-zeitung.de Börsen-Zeitung

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