Dax im Steilflug

Mehr Wirtschaft gefragt

Eine schwierige Regierungsbildung nach der Bundestagswahl, die Krise in Katalonien oder der weiter schwelende Konflikt zwischen Nordkorea und den USA: Es scheint mehr als genug Gründe zu geben, für den Aktienmarkt skeptisch zu sein. Dennoch scheint derzeit nichts den Dax aufhalten zu können – mit Ausnahme vielleicht der Schwelle von 13000, vor der der Index am Freitag mit einem Rekord von rund 12993,5 Punkten zum wiederholten Mal zurückschreckte. Weltweit ziehen die Indizes an und lassen sich dabei auch von den sich allmählich von der ultralockeren Geldpolitik abkehrenden Zentralbanken nicht beeindrucken.

Veröffentlicht am Samstag, 07.10.2017, 11:25 von BZ-Redaktion

Getragen wird der Aufschwung von der über Erwarten positiven Entwicklung ihrer fundamentalen Basis. Das weltweite Wachstum fällt höher aus als noch zu Jahresbeginn prognostiziert wurde, auch wenn die Hurrikan-geschädigten Daten aus den USA das derzeit nicht widerspiegeln können. Zudem zieht die Konjunktur – erstmals seit vielen Jahren – global synchron an. In der Folge überraschen auch die Unternehmensergebnisse nach oben und steigen die Gewinnerwartungen der Marktteilnehmer. Das wiederum lässt die vor allem in den USA hohen Bewertungen etwas weniger beunruhigend aussehen, als sie dies auf den ersten Blick tun, zumal noch positive Impulse durch die von Donald Trump geplante Steuerreform hinzukommen könnten. Im Hintergrund wirkt zudem das Niedrigzinsumfeld als stützender Faktor.

Zum Outperformer mutiert

Das bessere konjunkturelle Umfeld ist gerade für den stark zyklisch geprägten und auslandsorientierten Dax positiv. Seit seinem Tief vom 29. August hat der Index steil um mehr als 1000 Punkte bzw. um mehr als 9% zugelegt. Getrieben wird er auch dadurch, dass der Euro seinen Höhenflug Ende August abgebrochen hat und leicht gesunken ist. In den Monaten zuvor hatte die Stärke der Währung den Index gehemmt und ihn im Vergleich zum amerikanischen S&P 500 deutlich unterdurchschnittlich abschneiden lassen. In den zurückliegenden Wochen hat sich dies komplett gedreht. Seit Ende August hinkt der S&P 500 mit Gewinnen von bis zu 4,4% dem deutschen Leitindex hinterher.

Aus ebendiesem Grund könnte die Schwelle von 13000 Dax-Zählern demnächst fallen. Denn die Zeichen stehen gut, dass der Euro-Höhenflug nicht nur abgebrochen ist, sondern die Währung in den kommenden Wochen weiter nachgibt. Trotz der in diesem Monat wohl anstehenden Ankündigung der Europäischen Zentralbank, das Volumen ihrer Anleihekäufe zu reduzieren, wird ihre Geldpolitik noch geraume Zeit überaus akkommodierend bleiben. Insbesondere wird eine erste Leitzinsanhebung noch lange auf sich warten lassen, nach allgemeiner Überzeugung der Experten bis mindestens zum Ende des kommenden Jahres.

Ganz anders sieht die Lage in den Vereinigten Staaten aus. Ihre Zentralbank Fed hat klar signalisiert, dass sie im Dezember ein weiteres Mal an der Zinsschraube drehen will, und hält auch eisern daran fest, für das kommende Jahr drei weitere Anhebungen ihres Leitzinses zu prognostizieren. Letzteres will ihr der Markt, der ein deutlich gemächlicheres Zinserhöhungstempo einpreist, derzeit noch nicht glauben. Wenn man die US-Währungshüter aber halbwegs ernst nimmt, wird das transatlantische Zinsgefälle bis Ende 2018 um 100 Basispunkte steigen – eine starke Stütze für den Dollar.

Ob der Index im laufenden Zyklus wesentlich höhere Niveaus erreichen kann – die DZBank rechnet mit einem Hoch von 14000, das Bankhaus Sarasin erwartet den Index Ende 2018 bei 15000 Zählern -, hängt wesentlich davon ab, dass die positive Entwicklung der Weltwirtschaft und der Unternehmensergebnisse sich fortsetzt. Gerade in einem Umfeld, in dem die Bewertungen hohe Niveaus erreicht haben und gleichzeitig der geldpolitische Wind zu drehen begonnen hat, sind die Spielräume für Enttäuschungen mittlerweile recht eng geworden. Damit rückt die demnächst in den USA startende Quartalsberichtssaison zum dritten Quartal ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht nur die Zahlen der Berichtsperiode werden die weitere Tendenz an den Aktienmärkten bestimmen, sondern insbesondere auch die Ausblicke der Unternehmen auf das kommende Jahr. Bricht der positive Trend der zurückliegenden Quartale nicht ab, könnte die nächste Stufe des Rekordflugs an den Aktienmärkten gezündet werden. Neben einem weiteren Abbröckeln des Euro-Außenwerts könnte somit die Unternehmensberichterstattung den letzten kleinen Schubser über die Schwelle von 13000 Dax-Punkten bringen. Christopher Kalbhenn – Börsen-Zeitung

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Gravierende Verluste der etablierten Volksparteien CDU, CSU und SPD, die Rückkehr der FDP nach vier Jahren und der erstmalige Einzug der AfD gleich als drittstärkste Fraktion in den Bundestag: Dies ist die Bilanz der Wahl 2017. Die Grünen haben entgegen den Erwartungen der Demoskopen ihre Position leicht ausgebaut. Sie liegen knapp hinter der den Liberalen. Das gibt ihnen eine bessere Startposition bei den Koalitionsverhandlungen zu einer schwarz-gelb-grünen Jamaika-Koalition. Dies ist die einzige rechnerische Möglichkeit für eine Regierungsmehrheit, nachdem die SPD nach ihrem Wahldebakel entschieden hat, in die Opposition zu gehen.

Die Entscheidung der Sozialdemokraten zerstört immerhin einen Traum der frischgebackenen Bundestagsfraktion der AfD. Sie kann nicht Oppositionsführerin werden, mit dem Recht, in Debatten direkt auf die Regierung zu antworten und der Usance, den Vorsitz des mächtigen Haushaltsausschusses zu übernehmen. Dort laufen alle Fäden zusammen, da Entscheidungen im Bundestag auch eine finanzielle Dimension haben. Dass sich die AfD durch die SPD um diese Stellung betrogen fühlt, spricht für ein armseliges Demokratieverständnis.

Auch SPD-Parteivorsitzender Martin Schulz hat in dieser Hinsicht noch Nachholbedarf. „Die Opposition ist die entscheidende Kraft in der Demokratie.“ Mit diesem Satz untermauerte er den neuen Kurs seiner Partei. Schulz irrt. Entscheidende Kraft in der Demokratie ist nicht die Opposition, sondern muss die Regierung sein. Ist sie es nicht, gehört sie abgewählt. Hätte Schwarz-Rot dies stärker beherzigt, wären nicht so viele Wähler zur AfD gewechselt. Diese haben den Wahlforschern zufolge die rechtspopulistische Partei nicht wegen ihrer Inhalte, sondern allein aus Unzufriedenheit gewählt.

Die Inhalte entscheiden

Der Neustart der Regierung mit neuen Koalitionspartnern bietet die Chance, wieder Akzente auf Inhalte zu legen. Die scheidende und voraussichtlich neue Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht die ihr verliehene Macht als Möglichkeit, zu gestalten. Dies muss die neue Regierung auch tun. Es reicht nicht, unvorhergesehene Probleme wie die Finanzkrise, die Euroschuldenkrise oder die Flüchtlingswelle, die die Globalisierung ins Land trägt, zu bewältigen. Das Hauptproblem dieser Tage ist auch nicht die AfD, sondern eine überzeugende Politik der Regierung für dieses Land.

Sowohl die FDP als auch die Grünen sind bereit, über eine Regierungsbeteiligung zu sprechen. Auch die CSU hat beigedreht und will in der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU bleiben. Dies dürfte allerdings praktischen Erwägungen folgen, denn mit durchgerechnet nur etwas mehr als 6 Prozent auf Bundesebene wäre die CSU mit Abstand die kleinste Fraktion im Bundestag. Der Informationsfluss und Einfluss ist in einem Fraktionsverbund mit der CDU weitaus größer. Die Koalitionsverhandlungen werden schon deshalb schwierig, weil es in einer so heterogenen Gruppe wie Schwarz-Gelb-Grün darauf ankommt, Inhalte schon im Koalitionsvertrag konkret festzulegen. Alles andere trägt Unruhe in die Regierungszeit.

Vor allem mehr Inhalte sind gefragt. Die Digitalisierung geht Hand in Hand mit dem Bereitbandausbau, der hierzulande nur schleppend vorankommt. Bildung und ausreichende Kinderbetreuung sind Themen, die für die alternde Gesellschaft wichtig sind. Nur so können mehr Frauen berufstätig sein. Für die Rente gibt es nur ein Konzept bis 2030. Dann wird es teuer. Die Entwicklung nach diesem Datum ist aber schon heute absehbar. Auch die Energiewende muss schneller vorangetrieben werden, soll die Wirtschaft nicht auf der Strecke bleiben.

Harte Auseinandersetzungen sind bei der Einwanderungspolitik zu erwarten. Die CSU träumt von einer „Obergrenze“, die Grünen wollen Arbeitssuchenden ein Aufenthaltsrecht geben. Nötig wäre endlich eine politische Entscheidung, die klar zwischen Asyl und wirtschaftlich motivierter Zuwanderung unterscheidet – und ein Einwanderungsgesetz, in dem dies klar geregelt ist.

Finanzpolitik im Abseits

Völlig aus dem Blick geraten ist über das Flüchtlingsthema die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die deutschen Unternehmen sehen sich steuerpolitisch Wettbewerbsdruck aus dem Ausland ausgesetzt. Die USA und Großbritannien haben Erleichterungen angekündigt. Hierzulande scheint die Politik dies zu ignorieren. Stattdessen werden etwa mit der Zinsschranke munter weiter Kosten statt Gewinne besteuert, weil es an der Kraft fehlt, eine andere konjunkturabhängige Finanzquelle für die Gemeinden zu schaffen.

Gelb-grüne Gegensätze

Entlastungen für die Bürger in Zeiten stetig steigender Steuereinnahmen sind überfällig. Stattdessen haben die Grünen eine Vermögensteuer im Programm, die allerdings mit der FDP nicht zu machen wäre. Zusammenrücken ist auch in der Europapolitik nötig. Während die Grünen Pläne für ein eigenes Budget für die Eurozone und eine Europäische Wirtschaftsregierung befürworten, ist die FDP strikt dagegen. Auch den Ausbau des Stabilitätsfonds zu einem Europäischen Währungsfonds trägt die FDP nicht mit. Dass Finanzstabilität Vorrang vor Investitionen hat, unterstützt wiederum die FDP, die Grünen sehen es andersherum.

Entscheidend ist, dass die neue Regierung sich zu einem Koalitionsvertrag durchringt, der auch die Wirtschaft im Blick hat. Dies ist die Voraussetzung für mehr öffentliches Geld für soziale Wohltaten – für alle, die sich abgehängt fühlen und von den etablierten Parteien abgewandt haben. Angela Wefers – Börsen-Zeitung

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