Volle Rentenkasse: Ein Lob der gesetzlichen Rente

Rentenniveau und -beiträge

Die Schönwetterperiode für die Rentenkasse endet aber in den frühen 2020er-Jahren. Dann steigt die Zahl der Rentner schneller als die Zahl der Beschäftigten. Womöglich schrumpft deren Zahl sogar, weil zu wenig junge Arbeitskräfte nachkommen. Die nächste Bundesregierung sollte die derzeitige Atempause nutzen, um die Rentenkasse auf die Zukunft vorzubereiten. Sie sollte regeln, wie man die soziale Absicherung von Selbstständigen organisiert, die keine Alterssicherung haben. Sie sollte klären, ob man Altersarmut im Rentensystem bekämpft oder außerhalb. Sie sollte Konzepte entwickeln, wie die Rentenversicherung, aber auch die Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung finanziert werden sollen, wenn die Umbrüche der Arbeitswelt weitergehen, die unter dem Schlagwort Digitalisierung diskutiert werden. Jörg Buteweg – Badische Zeitung

Veröffentlicht am Mittwoch, 15.11.2017, 14:34 von Tabea Schrader

Boomzeiten sind aus Sicht der Sozialversicherungen ganz schlecht für Koalitionsverhandlungen. Die gut gefüllten Sozialkassen werden zur Spielmasse am Berliner Verhandlungstisch. Das muss auch die Rentenversicherung erleben. Die einen wollen die Mütterrente erhöhen für Kinder, die vor 1992 geboren sind, die anderen die Rente für Geringverdiener anheben. Aber bitte solche Geschenke nicht auf Kosten der Beitragszahler verteilen! Eine Anhebung der Rente für Geringverdiener verbietet sich ohnehin aus Gerechtigkeitsgründen: Wieso soll einer, der stets nur Minijobs hatte, genauso viel bekommen wie etwa ein Friseurgeselle, der dafür ein Leben lang gearbeitet hat? Die überraschend gute Lage der Rentenkasse erlaubt jetzt eine ordentliche Rentenerhöhung für die 21 Millionen Senioren, am grundsätzlichen Problem ändert das nichts. Jeder Boom geht mal vorbei, und die Alterung der Gesellschaft hört deshalb nicht auf. Weiterhin gilt: Spätestens 2030 sieht es in der Rentenkasse finster aus. Verantwortungsvoll wäre die Jamaika-Koalition, wenn sie die komfortable Lage jetzt nutzte, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Dazu gehört auch eine Rentenkommission, die über so schmerzhafte Dinge wie die Rente mit 70 redet. Rheinische Post

Keine Rentenexperimente

Die gesetzliche Rente in Deutschland ist seit einigen Jahren schlecht beleumundet. Zu Unrecht. Natürlich gibt es Probleme, und zwar nicht nur kleine. Mehr Menschen als früher droht Altersarmut, trotz Arbeit, denn für viel zu viele Kleinverdiener und für Beschäftigte mit Lücken in ihrer Erwerbsbiografie reicht die Rente allein nicht aus für ein passables Leben im Alter. Auch müssen wir uns auf Sicht Gedanken machen über die Generationengerechtigkeit: Können wir den Jungen immer höhere Beiträge zumuten oder den Alten kleinere Renten? Müssen wir noch länger als bis 67 arbeiten? Oder kann man nicht einfach den Staatszuschuss erhöhen? Und dennoch: Die Rente ist besser als ihr Ruf. Für viele Menschen ist die staatliche Altersvorsorge sogar ein gutes Geschäft, ganz sicher in Niedrigzinszeiten wie diesen.

Rentenberater und die Stiftung Warentest raten aktuell über 50-Jährigen zu freiwilligen Zusatzeinzahlungen in die Rentenkasse. Lange wurde Norbert Blüms „Die Rente ist sicher“ verlacht, aber Finanzmarktturbulenzen und die Minirenditen privater Anlagen strafen die Lacher Lügen. Reich wird niemand, der sich auf die gesetzliche Rente verlässt, aber (Total-)Verluste muss kein Rentner fürchten. Richtig ist: Die Rente profitiert derzeit ungemein von der brummenden Konjunktur und der andauernden Erholung auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb bleibt das Rentenniveau wohl auch in den nächsten fünf Jahren stabil, erst danach wird es langsam sinken. Rentenpolitik sollte in Jahrzehnten, nicht nur in Jahren (oder Legislaturperioden) denken, deshalb muss sie die Zeit nach 2030, 2040 in den Blick nehmen. Aber so schlecht ist die Ausgangsposition nicht, und viele Probleme sind lösbar. Westfalenpost

Dass die Altersbezüge in Deutschland auch im nächsten Jahr relativ kräftig zulegen werden, ist erst einmal eine gute, wenn auch keine überraschende Nachricht. Weil die Konjunktur brummt und die Beschäftigung zunimmt, steigen die Renten in Ost und West sozusagen im Nachlauf. Damit wird zudem auch etwas von den Einbußen aufgeholt, die die Altersbezüge im Verlauf der vergangenen zehn Jahre hinnehmen mussten. Nach Ansicht der Rentenexperten geht der Zuwachs noch die kommenden fünf, sechs Jahre so weiter. Die zahlreichen „Babyboomer“ machen es möglich. Auch die Rentenbeiträge für die Generationen in Beschäftigung bewegen sich in verträglicher Höhe. Doch die Sicherheit, die das Rentensystem derzeit ausstrahlt, ist trügerisch. Mit dem erwartbaren Absinken der Beschäftigtenzahlen wird der Druck auf die Rentenkassen dramatisch ansteigen. Beitragserhöhungen und nur schmale – wenn überhaupt – Steigerungen der Altersbezüge sind bereits heute vorhersehbar.

Das Rentenniveau wird nach und nach sinken, wie dies übrigens von der großen Koalition vor rund zehn Jahren bereits beschlossen worden war. Allerdings wäre es richtig, nun eine solche Haltelinie ins System einzuführen, die dem Abgleiten in Altersarmut wirkungsvoll und nachhaltig entgegenwirkt. Das wäre eine große und verdienstvolle Aufgabe für die künftigen Jamaika-Koalitionäre. Doch die haben in ihren langen Verhandlungsrunden noch kein richtiges Rentenkonzept gefunden. Die Partei der Kanzlerin wollte das Thema allen Ernstes in den nächsten zehn Jahren gar nicht anfassen. Auch das CSU-Projekt der erweiterten Mütterrente hat zwei Haken: Erstens hilft sie nicht gegen Altersarmut, denn sie wird auf die Grundsicherung angerechnet. Das müsste sofort geändert werden. Und zweitens wird die Mütterrente derzeit zu einhundert Prozent aus der Rentenkasse bezahlt, nicht aus dem allgemeinen Haushalt, nicht aus Steuermitteln. Genau dort würde die Finanzierung dieser Leistung jedoch hingehören. Mittelbayerische Zeitung

 

DasParlament

Ihre Meinung ist wichtig!