Deutsche arbeiten 828,7 Millionen Stunden zu viel

Runter von den Stunden

Rückgang der Überstunden um 14 Prozent gegenüber 2012 – Mehr als die Hälfte unbezahlt – DGB sieht prallgefüllten Arbeitszeitkonten: Laut jüngstem Mikrozensus haben Beschäftigte in Deutschland im Jahr 2016 insgesamt 828,7 Millionen Überstunden geleistet. 2012 lag die bezahlte und unbezahlte Mehrarbeit deutschlandweit noch bei rund 960,8 Millionen Stunden. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, die der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vorliegt. Mehr als die Hälfte bleibt unbezahlt.

Veröffentlicht am Freitag, 12.01.2018, 8:58 von Domenikus Gadermann

Auch wenn die Zahl der Überstunden gesunken ist, geht die Bundesregierung in ihrer Antwort davon aus, dass die tatsächlich geleisteten Stunden deutlich höher liegen. Der Grund: Die Beantwortung der Fragen im Mikrozensus sei freiwillig. Daher werde von einer Untererfassung ausgegangen. Und so schätzt unter anderem die Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Zahl der Überstunden für 2016 rund doppelt so hoch: auf 1,7 Milliarden, 941 Millionen von ihnen ohne finanzielle Entschädigung

„Überstunden auch in Verbindung mit Arbeitszeitkonten belasten die Beschäftigten, erhöhen die Unfallrisiken und verhindern Neueinstellungen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der „NOZ“. Die Reduzierung von Überstunden habe deswegen für die Gewerkschaften und die Betriebsräte hohe Priorität. „Es ist ein Skandal, dass fast eine Milliarde Arbeitsstunden nicht bezahlt werden. Das zeigt, wie die Beschäftigten unter Druck stehen. Wir fordern deswegen, dass die gesamte Arbeitszeit besser erfasst wird, und damit auch Überstunden bezahlt werden.“ Der Rückgang ist für die Gewerkschaft auch nur die halbe Wahrheit. „Der größere Teil der Überstunden wird inzwischen über Arbeitszeitkonten geregelt“, so Buntenbach. Derzeit nehme dort das Volumen zu.

Erneut Rekord: Polizei häuft mehr als 22 Millionen Überstunden an

GdP-Chef Malchow: Überlastung der Polizei gefährdet die Sicherheit

Wegen Sondereinsätzen und neuer Aufgaben hat die Polizei im vergangenen Jahre erneut einen Rekord an Überstunden gemacht. Mehr als 22 Millionen Überstunden häuften die Beamten in Bund und Ländern nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) bundesweit an. „Ich gehe davon aus, dass es auch noch mehr waren“, sagte GdP-Vorsitzender Oliver Malchow. Damit bleibt die Zahl auf Rekordniveau, 2016 waren es ebenfalls 22 Millionen Überstunden gewesen, 2015 rund 20 Millionen.

Allein bei der Bundespolizei kletterte die Zahl – unter anderem wegen der anhaltenden Grenzkontrollen – nach Angaben des Bundesinnenministeriums auf knapp 2,4 Millionen Überstunden, das entsprach im Schnitt 53,3 Stunden pro Mitarbeiter. Im Vorjahr waren es erst zwei Millionen Überstunden gewesen. Die Gründe lägen vor allem in außergewöhnlichen Ereignissen. „Allein beim Einsatz zum G20-Gipfel in Hamburg sind zigtausende Überstunden angefallen“, sagte Malchow und fügte hinzu: „Wegen der hohen Terrorgefahr müssen viel mehr Leute im Einsatz sein als früher, sei es auf Weihnachtsmärkten oder für den Objektschutz.“

Doch auch die Flüchtlingskrise stellt eine Herausforderung für die Polizei dar. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt, sagte, tausende Beamte seien bei Grenzkontrollen im Einsatz. Er fügte hinzu: „Die Polizei muss zudem mehr Flüchtlingsunterkünfte schützen und dort mehr Straftaten aufklären, weil Menschen dort auf engstem Raum die Nerven verlieren und Straftaten begehen.“ Seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln vor zwei Jahren – durch überwiegend nordafrikanische und arabische Männergruppen – müssten auch an Silvester mehr Personal bereitgehalten werden. „Die Flüchtlingskrise und die Terrorgefahr haben die Polizei völlig unvorbereitet getroffen“, sagte Wendt. „Da die Polizei keine Reserven hat, geht das voll auf den Rücken der Beamten.“

Das alles bekommt auch der Bürger zu spüren. „Die Überlastung der Polizei ist ein Sicherheitsproblem“, warnte GdP-Chef Malchow. „Ermittler müssen auch Zeit haben zu ermitteln.“ Immer seltener könnten Polizisten auf der Straße Streife gehen, wodurch die Alltagskriminalität wie Diebstahl oder Einbrüche zunehme. Die Gewerkschaft GdP fordert insgesamt eine Aufstockung um 20 000 Stellen. Das Bundesinnenministerium sieht dagegen schon eine Entlastung – weil die Bundesregierung für die Bundespolizei bereits 7500 zusätzliche Stellen bis 2020 beschlossen habe.  Neue Osnabrücker Zeitung

Runter von den Stunden

Es ist höchste Zeit, dass die Beschäftigten einer wichtigen Branche den Kampf um die Arbeitszeit wieder aufnehmen. Denn die Gründe dafür sind nicht nur in der Metall- und Elektroindustrie hinlänglich bekannt: ständige Überstunden und Hetze, um Kinder, Pflege und Job unter einen Hut zu kriegen, Arbeit in Schicht, am Wochenende und am Abend oder einfach nur zu wenig Zeit für weitere schöne Dinge des Lebens. Mit ihrem Ruf nach kürzeren Arbeitszeiten spricht die IG Metall daher nicht nur für die eigenen Beschäftigten. Zugleich stemmt sie sich damit gegen den wachsenden Druck, die Arbeit nach Gusto der Arbeitgeber auszudehnen.

Die Wahloption für 28 Stunden ist eine gute Idee, um den verschiedenen Bedürfnissen in der Belegschaft gerecht zu werden. In der Umsetzung kommt es auf den Personalausgleich an – damit nicht die verbleibenden Kollegen die Doofen sind. Mit dem geforderten Rückkehrrecht beweist die IG Metall Stärke, ist dieser Anspruch doch von der Union in der Großen Koalition gerade erst beerdigt worden. Keine Antwort geben die Tarifforderungen dagegen auf das Problem, dass viele schon froh wären, überhaupt einmal nach den vereinbarten 35 Stunden nach Hause gehen zu können. Den Arbeitgebern wiederum, die über fehlende Fachkräfte zum Ausgleich jammern, möchte man zurufen: Seid doch mal ein bisschen flexibel! Qualifiziert und bildet aus! Es gibt nicht mehr so viele Arbeitslose, aber prekär Beschäftigte gibt es genug. neues deutschland

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