Londoner Euro-Clearing bedroht Banken und Unternehmen in Eurozone

Auswirkungen Brexit

Aus vielen kleinen Puzzlestücken lässt sich ein Bild formen. Im Poker um das so genannte Euro-Clearing, also um die Verrechnung von Zins- und Anleihekontrakten basierend auf Euro, lassen sich erste Konturen ablesen. So ist es naheliegend, dass die EU verhindern will, dass sich nach dem Brexit systemrelevantes Geschäft mit Zinsswaps oder Kreditausfall-Versicherungen in London aus EU-Sicht rechtlich gesehen verselbstständigt – geht es doch um große Summen.

Veröffentlicht am Mittwoch, 03.05.2017, 13:16 von Magnus Hoffestett

Sollte etwas im Londoner Euro-Clearing schief laufen, und wären Banken in der Eurozone stark getroffen, müssten schlimmstenfalls Staaten der Eurozone sie stützen, während die Briten fein raus wären. Soviel zur Befürchtung der einen Seite, ein nicht völlig auszuschließendes Extremszenario.

Nach dem, was aus Brüssel dringt, werden Standortpflichten erwogen. Zugleich wird darüber nachgedacht, dass die europäische Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA direkte Durchgriffsrechte auf Clearinghäuser bekommt, die im Euro-Clearing in London aktiv sind. Je nach Ausgestaltung im Einzelnen – beides sind Wege mit Risiken und dem Potenzial erheblicher und unerwünschter Nebeneffekte.

Fall eins wäre die Einführung der Standortpflicht. Hier ist die Zersplitterung von Liquidität und Risikomanagement-Strukturen vorgespurt. Möglich gar, dass Banken außerhalb der EU das Euro-Clearing an der Themse übernehmen. EU-Marktteilnehmer hätten in punkto Kosten und Wettbewerbssituation das Nachsehen. Fall zwei wiederum – die Unterwerfung unter eine starke EU-Aufsicht – könnte einen Rattenschwanz regulatorischer Vorgaben nach sich ziehen. Eine Einigung nicht nur auf britischer Seite wäre damit erschwert. Und wenn geklärt ist, welche Durchgriffsrechte eine so schlagkräftige EU-Aufsicht in Großbritannien hat – wie verhält es sich mit Durchgriffsrechten in anderen Drittstaaten wie den USA, der Schweiz? Das bisherige Modell einer Äquivalenz der Aufsicht scheint ja überholt zu sein.

Trotzdem: Der Durchgriff einer gestärkten EU-Aufsicht auf das Londoner Euro-Clearing ist für die Briten zumutbar. Im Dollar-Clearing ist London ebenfalls bedeutend, und außerhalb der USA beanspruchen die US-Aufseher Vergleichbares, was die EU möchte. Damit ließen sich bestehende Marktstrukturen erhalten. Jetzt muss Vorsorge getroffen werden, dass den angedeuteten Problemen und Konflikten vorgebeugt wird, die mit einer gestärkten EU-Aufsicht verbunden sein könnten. Es ist höchste Zeit aufzuwachen, bevor diese Büchse der Pandora geöffnet wird. Dietegen Müller – Börsen-Zeitung

Ein Brexit dürfte auch bei einigen deutschen börsennotierten Unternehmen Spuren hinterlassen

Die Briten entschieden die Europäischen Union zu verlassen. Das enge europäische Bündnis scheine mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik und die andauernden Strukturprobleme vieler EU-Mitgliedsländer zurzeit wenig einladend, so der Metzler-Stratege Hendrik König. Diese Aspekte dürften die Entscheidung über Bleiben oder Austritt stärker beeinflussen als das nüchterne Abwägen von Kosten und Nutzen eines Brexit. Während Umfragen ein knappes Ergebnis für welches Votum auch immer erwarten, deuten Indikatoren – unter anderem Quoten englischer Buchmacher – auf eine Wahrscheinlichkeit von 19 % für einen Austritt hin.

„Da Deutschland und Großbritannien enge Wirtschaftsbeziehungen haben, wird sich ein Brexit vor allem auf deutsche Unternehmen auswirken, die nennenswerte Umsätze in Großbritannien erwirtschaften“, so König. Die Metzler-Analysten haben vier börsennotierte Unternehmen aus dem Nicht-Finanzsektor identifiziert, die nach ihren Schätzungen mehr als 10 % ihres gesamten Umsatzes in Großbritannien erzielen. Dazu gehören Bilfinger, BMW, die Deutsche Post und RWE. Da London eine internationale Finanzmetropole für Investmentbanking, Wertpapierhandel und Clearingdienstleistungen ist, könne eine Brexit auch die Zahlen von Unternehmen aus dem Finanzsektor beeinflussen – dazu zählen aus Sicht der Metzler-Analysten die Deutsche Börse, die Deutsche Pfandbriefbank und Alstria Office Reit.

Auswirkungen auf Nicht-Finanzunternehmen

Die Analysen der Nicht-Finanzunternehmen basieren auf der Annahme des Metzler-Strategen, dass bei einem möglichen Brexit innerhalb eines Jahres das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt – von einer gegenwärtigen jährlichen Wachstumsrate von 2 % auf -1% – und das britische Pfund um 10 % abwertet (handelsgewichtet). Für Bilfinger würde das einen Einbruch des Geschäfts in Großbritannien um rund 7 % bedeuten, was einen Rückgang des Gewinns je Aktie auf Konzernebene um ca. 8 % zur Folge hätte. Betroffen sei vor allem das Geschäftsfeld Immobilien und Immobilienmanagement, dessen Schwerpunkt in Großbritannien auf Immobilientransaktionen liege. Für BMW sei Großbritannien seit den Übernahmen von Rover Ende der 1990er-Jahre und von Rolls Royce wenige Jahre später ein wichtiger Markt – schätzungsweise 10 % des Umsatzes würden hier erzielt. Ein Brexit könne zu einem Absatzeinbruch im britischen Markt führen, was den dort zu erzielenden operativen Ertrag um etwa ein Drittel einbrechen lassen könnte.

Bei einer Währungssicherung des Euro gegenüber dem britischen Pfund sei das konzernweite operative Ergebnis in einer Größenordnung von 460 Mio. EUR gefährdet, was nahezu 5 % entspräche. Ohne Währungssicherung in den ersten zwölf Monaten könne sich der Verlust auf 9 % summieren. Die Deutsche Post habe nach der Übernahme der britischen Exel-Group 2005 ein beträchtliches Geschäftsvolumen in Großbritannien mit einem Anteil von etwa 13 % am Konzernumsatz. Der von den Metzler-Strategen angenommene Rückgang des BIP um 1 % und eine Abwertung des Pfunds um 10 % könnten den Konzerngewinn um 14 % einbrechen lassen. Der Versorger RWE erziele geschätzt rund 23 % Anteil am Gewinn in Großbritannien. Das Unternehmen sei mit dem Versorgergeschäft und der konventionellen Stromerzeugung in Großbritannien aktiv. Auch wenn sowohl die Nachfrage nach Energie als auch die Energieerzeugung nur gering mit der Entwicklung des BIP korreliert seien, könne ein Brexit unter den genannten Annahmen für das BIP und die Pfundabwertung dennoch einen konzernweiten Gewinneinbruch von 15 % zur Folge haben.

Auswirkungen auf Finanzunternehmen

Ihren Status als internationalen Finanzplatz dürfte die Finanzmetropole nach einem Brexit zwar kaum verlieren. Dennoch sei nicht auszuschließen, dass die Finanzindustrie zum Teil Personal von London aus in Finanzzentren der EU verlegen werde. Davon könnte das Immobilienunternehmen Alstria Office Reit profitieren. Alstria hat in der Mainmetropole leerstehende Büroflächen von nahezu 2 % ihres gesamten Immobilienbestands. Vorausgesetzt, die Flächen ließen sich komplett zum derzeit erzielbaren Marktpreis vermieten, könnte Alstria zusätzliche Mieteinnahmen von ca. 6 Mio. EUR jährlich erzielen. Auch der Deutschen Börse könnte ein Brexit unter Umständen in die Hände spielen, falls die Europäische Zentralbank (EZB) dann fordert, dass eine größere Summe an in Euro begebenen Wertpapieren oder Zins-Swaps von Clearinghäusern innerhalb der Eurozone abgewickelt werden soll.

Auch im Devisenhandel habe die Deutsche Börse nach der Übernahme der Devisenplattform 360 T gute Chancen, Marktanteile im Fremdwährungshandel hinzuzugewinnen, falls die EZB versuchen sollte, einen Teil des Euro-Geldhandels aus London in die Eurozone zu holen. Die Deutsche Pfandbriefbank (pbb) könnte hingegen negativ von einem Brexit betroffen sein. Der britische Markt stehe für knapp 20 % des Portfolios in der Immobilienfinanzierung. Im Falle eines Brexit könnte das Interesse der Investoren am britischen Immobilienmarkt nachlassen und zu geringeren Transaktionsvolumina führen, was die Wachstumsperspektive der pbb beeinträchtigen würde. Auch der Wert der Kreditbesicherungen könnte im Falle eines Wirtschaftsabschwungs unter Druck geraten. Jörg-Matthias Butzlaff – B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG

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2 Meinungen bis jetzt. Fühlen Sie sich frei der Diskussion beizutreten.

  1. Anonymous Freitag, 12. Mai 2017, 9:06 um 9:06 - Reply

    Anonymous 4.5.,17.10, kurz und bündig, sehr treffend
    ausgedrückt. Danke. Habe von 6 auf 7 gedrückt.

  2. Anonymous Donnerstag, 4. Mai 2017, 17:10 um 17:10 - Reply

    GB kann froh sein dieses Krebsgeschwür ‚Europa‘ los zu sein, auch wenn ein paar unschöne Narben zurück bleiben!

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