Gefährliche Manöver – Abschuss nützt Russland und Türkei

Türkei schießt russischen Kampfjet ab

Der Abschuss des russischen Militärjets durch die Türkei vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges in Syrien ist ein Rückschlag im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS).

Veröffentlicht am Mittwoch, 25.11.2015, 8:42 von Domenikus Gadermann

Wir alle können derzeit eine gefährliche Eskalation der Außenpolitik beobachten, wie wir sie schon lange nicht mehr erlebt haben. Der Abschuss des russischen Militärjets von der Türkei ist ohne Frage eine neue Stufe der Gewalt in der Region und bringt ein Nato-Land sehr nah an den Rand eines militärischen Konfliktes mit Russland, zumindest technisch gesehen, denn für die Diplomatie gibt es zum Glück noch viele Mittel und Wege.

Die Beziehung der beiden Länder wird nun hart auf die Probe gestellt. Allerdings nützt die Eskalation beiden Präsidenten. Putin kann nun seinen Landsleuten glaubhaft versichern, dass sich der Westen gegen Russland verschworen habe, während Erdogan den Türken zeigen kann, dass er bereit ist, sein Land zu verteidigen. Gleichzeitig lenkt er von innenpolitischen Problemen ab.

Gleich nach dem Abschuss verkündete Putin, dass die Türkei ein Unterstützer des Terrors sei. Recht hat er. Jahrelang schaute der nördliche Nachbar von Syrien zu, wie Islamisten in das Bürgerkriegsland einsickerten, um sich dort dem IS anzuschließen. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Auch Russland unterstützt den Terror in Syrien. Ohne Russlands Unterstützung für Assad, sowohl durch Waffen und Angriffe auf Rebellengruppen, als auch diplomatisch, wäre das Regime längst am Ende. Statt wirklich den IS zu bombardieren werden gefährliche Manöver in Gebieten geflogen, in denen sich die Gotteskrieger gar nicht aufhalten.

Ob sich nun noch eine gemeinsame Koalition, wie nach den Attentaten von Paris angekündigt, gegen den IS bilden wird, ist höchst zweifelhaft. Russland und die Nato-Länder teilt derzeit mehr als sie eint. Jan-Henrik Wiebe Thüringische Landeszeitung

Das Spiel mit dem Feuer

Der Abschuss des russischen Militärjets ist ein Rückschlag im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS). Weder die Türkei noch Russland können – trotz unterschiedlicher Ziele in der Konfliktregion – Interesse an einer Eskalation der Einsätze in Syrien haben. Trotzdem ist es zu dem Zwischenfall gekommen.

Es bleibt dabei: Putin will den syrischen Diktator Assad vorerst im Präsidentenamt halten und lässt syrische Rebellen bombardieren, während Erdogan Assad stürzen und die Kurden klein halten will. Der Zwischenfall macht eines immer deutlicher: An erster Stelle muss eine politische Lösung für Syrien stehen. Nur Russland und Iran können Assad dazu zwingen, nach einer Übergangsphase abzutreten. Und die Türkei muss endlich begreifen, dass der IS für sie ein größerer Feind ist als die kurdische PKK.

Putin und Erdogan sind zwei Männer vom gleichen Schlag, sie sind autokratische Machthaber ehemaliger Weltreiche. Beide meinen, Stärke zeigen zu müssen und rüsten rhetorisch entsprechend auf. Das ist ihr Selbstverständnis, und genau das macht die Lage so brisant. Schösse ein russischer Kampfjet ein türkisches Militärflugzeug ab, könnte der Nato-Staat Türkei den Bündnisfall ausrufen lassen. Das muss unbedingt vermieden werden. Westfalen-Blatt

Natürlich wird die Nato zur Türkei stehen – dafür ist man verbündet. Sobald der Zwischenfall halbwegs aufgearbeitet ist, wird der Westen, allen voran die USA, sich aber klarmachen machen müssen, dass die Russen nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sind. Gerade die Bundesregierung sollte auf den Prozess dringen. So lange in Syrien keine neuen Ordnung hergestellt ist, so lange dürfen wir uns über den Flüchtlingsstrom nicht wundern. Er ist eine Folge des Konflikts. Wenn es eine Lehre aus dem Zwischenfall von Dienstag gibt, dann, dass eine Verständigung mit Russland Not tut. Wenn Staaten wie die USA, Frankreich, die Türkei und Russland sich nicht abstimmen, wird ein solcher Zwischenfall nicht der letzte bleiben. Wir brauchen keinen zusätzlichen politischen Kriegsschauplatz mit Russland. Miguel Sanches Berliner Morgenpost

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