Erdogans willige Sympathisanten: Jeder zweite Türke ein Terrorist?

Volksabstimmung in der Türkei

Die „Berliner Zeitung“ meint, dass die Türkischstämmigen in Deutschland beim Verfassungsreferendum dem Westen die Faust gezeigt haben: Hinter den meisten Ja-Stimmen stand gar nicht der Wunsch, in der Türkei die Demokratie abzuschaffen. Was sie leitete, war offenbar vor allem der Reflex, es mal jemandem so richtig zu zeigen. Und dieser Jemand sind wir, der Westen. Erdogan hat für Türken in Deutschland Anlass geboten, wieder die türkische Fahne zu schwenken, sich als Protagonisten eines Ereignisses zu fühlen, auf das die Welt schaut, das auch vielen Deutschen überhaupt nicht egal ist. Man könnte in Anlehnung an Trump sagen, dass Erdogan die Türkei in den Augen vieler Anhänger „great again“ macht. Berliner Zeitung

Veröffentlicht am Dienstag, 18.04.2017, 14:36 von Magnus Hoffestett

Wer sind diese Türken in Deutschland, die für eine Verfassungsänderung im Land ihrer Väter gestimmt haben? Es waren erschreckend viele, die aus sicherer Entfernung in Hamburg oder in Stuttgart einem Staatsumbau zugestimmt haben, der den Weg in eine Erdogan-Diktatur ebnet, die Rechte des Parlaments beschneidet und die Bürger zu Stimmvieh degradiert.

Angeblich gab es unter den in Deutschland lebenden Türken eine Wahlbeteiligung von lediglich 50 Prozent. Nicht umsonst hatten deutsche Sicherheitsbehörden Erdogan-Gegner gewarnt, zur Abstimmung in die Konsulate zu gehen, da man dort nicht für ihre Sicherheit würde garantieren können. Von jenen, die abstimmten, haben gut 60 Prozent für eine Verfassungsänderung votiert. Es ist also grob gerechnet ein Viertel der in Deutschland ansässigen Türken, die für die Machtvergrößerung eines Präsidenten gestimmt haben, der Bundeskanzlerin Merkel Nazimethoden vorwirft, der Oppositionelle ins Gefängnis steckt, dessen Geheimdienst auf deutschem Boden nicht nur Gülen-Anhänger, sondern auch Bundestagsabgeordnete auskundschaften lässt. Die deutsche Neigung zum Generalverdacht – in diesem Fall gegen alles, was irgendwie türkisch wirkt – sollte durch diese Zahlen etwas gebremst werden.

Viele Erdogan-Anhänger hierzulande kennen die Türkei nur von Ferienaufenthalten. Dass gerade viele junge Türken in Deutschland für diesen Staatschef sind, hat weniger mit Ignoranz gegenüber den harten türkischen Realitäten zu tun als mit verletztem Stolz. Wohl die wenigsten haben eine Ahnung davon, dass es die politischen Freiheiten, die sie hier selbstverständlich genießen, in ihrem Sehnsuchtsland gar nicht gibt.

Dass da irgendetwas nicht funktioniert hat mit der Vermittlung jener Werte von Rechtsstaatlichkeit und Gewaltentrennung, für die Deutschland steht, war selten so offensichtlich wie jetzt. Und der Mann aus Ankara macht sich diese Fehler zunutze. Jene, die mit friedlichen und demokratischen Mitteln gegen Erdogan wirken, brauchen jetzt Unterstützung. Schwäbische Zeitung

Ist Erdogan am Ziel? Ist er nun, in der Nachfolge Mustafa Kemal Atatürks, der neue „Vater der Türken“? Machtpolitisch gibt es frappierende Ähnlichkeiten: in der Brutalität etwa, politische Gegner auszuschalten. Davon abgesehen tritt Erdogan das Erbe Atatürks systematisch mit Füßen. Die Verwestlichung der Türkei, die Hinwendung zu Europa und vor allem die Säkularisierung des Landes, die Trennung von Glaube und Macht also – das alles wird Schritt für Schritt zurückgedreht. Der Sonntag war ein schwarzer Tag für die Türkei.

Wer dagegen eher halb volle denn halb leere Gläser sieht, muss auf die 49 Prozent Nein-Sager in der Türkei verweisen. Jeder Zweite hat sich Erdogan verweigert. Das kann man angesichts des massiven politischen Drucks, den das Regierungslager über Monate hinweg auf die Bevölkerung ausgeübt hatte, auch als eine krachende Niederlage für den Autokraten werten.

Was hat dieser Erdogan nicht alles getan, um die Wahl zu gewinnen? Man muss sich gar nicht lange mit der Frage aufhalten, ob die Abstimmung selbst manipuliert war oder nicht. Weit schwerer wiegt, dass fast alle regierungskritischen Medien in den vergangenen Monaten mundtot gemacht wurden, dass mehr als 100 Journalisten in den Gefängnissen sitzen, darunter der Deutsch-Türke Deniz Yücel. Wer sich offen gegen Erdogan stellte, galt und gilt als Terrorist. Nun muss sich das AKP-Regime fragen lassen, ob eigentlich die Hälfte des eigenen Volkes aus Terroristen besteht.

Der Preis für Erdogans Pyrrhussieg ist hoch, und Europa mit Deutschland an der Spitze sollte an der Preisspirale ruhig noch etwas drehen. Das Argument, Sanktionen gegen die Türkei würden Erdogan im Wahlkampf helfen, verfängt nun nicht mehr. Das Thema EU-Beitrittsgespräche, schon lange eine Farce, muss beendet werden. Schluss mit jeglichen Zugeständnissen und finanziellen Beihilfen! Stattdessen sollten die Europäer die Erdogan-Gegner – auch und vor allem mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen Ende 2019 – in und außerhalb der Türkei nach Kräften unterstützen.

Betrüblich stimmt derweil das Abstimmungsverhalten der Türkeistämmigen in Deutschland. Zwei von drei haben für die Verfassungsreform gestimmt. Noch schlimmer sieht es im Ruhrgebiet aus. Hier ist das Glas, da hilft auch penetranter Optimismus nichts, zu drei Viertel leer. Satte 75 Prozent der Türken im Revier haben „Ja“ gesagt. In Gelsenkirchen etwa meinten einige Ja-Sager, noch am Abend des Ostersonntags mit Türkei-Fahnen hupend durch die Innenstadt fahren zu müssen, um ihren vermeintlichen Sieg zu feiern.

Das macht wütend. Selbst jene wohlmeinenden Linken, die man sonst auf jedem Multikulti-Fest treffen kann, ließen ihrer enttäuschten Liebe in den angeblich sozialen Netzwerken freien Lauf und forderten die Erdogan-Wähler auf, Deutschland zu verlassen. Ausländer raus? Ernsthaft? Darauf hatten bislang die Rechtsradikalen das Monopol.

Vielleicht hilft ja der Gedanke, dass die allermeisten hupenden Erdogan-Freunde nicht einmal ansatzweise wissen, worum es bei der Abstimmung eigentlich ging. Wir haben uns einem Integrationsversagen auf breiter Front zu stellen, das im Kern ein Bildungsversagen ist. So lange die soziale und/oder ethnische Herkunft weiter entscheidend für den schulischen Erfolg unserer Kinder ist, kommen wir auch bei der Integration keinen Zentimeter weiter. Alexander Marinoszur – Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Erdogan kann sich auf seine Auslands-Türken verlassen

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3 Meinungen bis jetzt. Fühlen Sie sich frei der Diskussion beizutreten.

  1. Paul Donnerstag, 20. April 2017, 13:36 um 13:36 - Reply

    Die Anspielung „great again“ trifft voll ins Schwarze. Erdogan, Trump und ebenso ihre hellblauen Gesinnungsgenossen werden nicht aus rationalen Gründen gewählt, nicht durch Abwägen von Möglichkeiten, sondern aus einem Bauchgefühl heraus. Auch wenn man selbst darunter zu leiden hat – Hauptsache, man hat es denjenigen, die man für seine Feinde hält, mal richtig gezeigt. Das ist eine Denkweise, die Populisten und Selbstmordattentäter gemeinsam haben.

    • Anonymous Donnerstag, 20. April 2017, 22:29 um 22:29 - Reply

      Naja, den etablierten Parteien ist ja auch jedes Kreuzchen recht, egal aus welchen Gründen. Stammwähler, Protestwähler gegen die AfD,…..

  2. Fragesteller Mittwoch, 19. April 2017, 17:14 um 17:14 - Reply

    Herr Erdogan nannte uns alle Nazis. Ich bin auch Deutsche. Also bin ich auch ein Erdogannazist. Dazu ein paar Fragen:

    Warum soll ich noch einen Türkei -Urlaub buchen?
    Warum soll ich ein Sparbuch bei einer türkischen Bank unterhalten?
    Wieso soll ich noch Nutella kaufen, obwohl sie türkische Haselnußextrakte enthält?
    Warum soll ich ein Ticket der Turkish Airlines kaufen, auch wenn der Flug nicht in die Türkei geht?
    Warum soll ich Textilien kaufen, auf deren Etikett „Made in Turkey“ steht?

    Doch nun wird es ernst.Wenn Herr Erdogan mich einen Nazi nennt, dann muß ich den Begriff mit Inhalt füllen. Ich muß also boykottieren, obwohl ich das nie wollte.
    Das wirkt sich so aus:
    Der nette türkische Akademiker, der deutsche Fürsprecher mitbrachte, um eine freie Wohnung in meinem Haus zu mieten, wird sie jetzt nicht bekommen. Er wollte so gerne standesgemäß in einer guten Straße mit Deutschen und Europäern wohnen. Geht nicht mehr. Bin doch Nazi.
    Der türkische Kaufmann, bei dem ich fast 20 Jahre Brötchen, Zeitungen etc. kaufte, sieht mich schon nicht mehr. Erklärung überflüssig. Bin doch Nazi.
    Der türkische Kfz – Meister, der schon jahrelang unsere Autos perfekt betreute, wird keinen Reparaturauftrag mehr erhalten.Er hatte den Betrieb von einem deutschen Meister übernommen und machte es eigentlich gut. Fremd kam er mir nie vor. Aber den Neuwagen kann ich ihm nicht abkaufen. Bin doch Nazi.
    Es gibt auch deutsche Konkurrenzbetriebe.Die habe ich nicht gerade gesucht, wenn ich zufrieden war. Nun muß ich es tun, Teurer oder weiter entfernt sind sind die deutschen Betriebe nicht. Dort hält mich niemand für einen Nazi oder für ungläubig. Dessen bin ich sicher. Die
    türkischen Arbeitnehmer und Betriebe werden schon bald spüren, dass ihnen Herr Erdogan einen Bärendienst erwiesen hat.

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