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Verantwortlicher für Ditib-Spionageskandal als Verbands-Vize wiedergewählt

Türkische Regierung organisierte Islamkonferenz in Kölner Moschee

Die Türkisch-Islamische Union Ditib pflegt offenbar enge Kontakte zu mutmaßlich führenden Islamisten der Muslimbruderschaft (MB) in Deutschland. So hat die türkische Regierung vergangene Woche, wie in der „Kölner Stadt-Anzeiger“ in seiner Montagausgabe berichtet, in der Kölner Ditib-Zentralmoschee in Ehrendfeld eine Islamkonferenz organisiert, an der auch führende Vertreter MB-naher Organisationen teilgenommen haben. Bei dem dreitägigen Treffen ging es um „die Zukunft der Muslime in Europa“. Im Konferenzzentrum an der Kölner Moschee wurden zwei Teilnehmer gesichtet, die den Muslimbrüdern und damit radikalen Islamisten zu gerechnet werden. Die Muslimbruderschaft, die aus Ägypten stammende größte Islamistenbewegung, sei Beobachtungsobjekt der Verfassungsschützer, hieß es aus dem NRW-Innenministerium.

Volker Beck: Erneuerungsanspruch „ein Witz“

In den Neuwahlen des Vorstands der Türkisch-Islamischen Union Ditib ist der Verantwortliche für den „Spionage-Skandal“ des Jahres 2016, Ahmet Dilek, als stellvertretender Vorsitzender bestätigt worden. Der Verband teilte mit, er wolle mit der neu formierten Führung „die seit nahezu drei Jahren andauernden Debatten entschärfen und einen Neuanfang starten“. Die Debatten der vergangenen Jahre, „welche selten von Ditib ausgegangen“, aber „fast immer auf Ditib projiziert“ worden seien, hätten „wegen falscher Deutungen und Wahrnehmungen, aber auch mancher Handlungen der Ditib“ zu einer „Eskalation der Debatten“ und einer „negativen Wahrnehmung der Muslime geführt“, klagt die Ditib. Sie wolle nun ihren Beitrag zur Deeskalation leisten, ihre „Verantwortung als Religionsgemeinschaft“ ins Zentrum ihres Wirken stellen und in diesem Zusammenhang auf die staatliche Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts hinarbeiten.

Der Grünen-Politiker Volker Beck, Lehrbeauftragter am CERES Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhruniversität Bochum, nannte den Erneuerungsanspruch des gerade gewählten Ditib-Vorstands „einen Witz“: „Von Neuorientierung und Aufarbeitung keine Spur“, sagte Beck dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er verwies darauf, dass der Vize-Vorsitzende Dilek mindestens zwischen 2014 und 2017 in Köln als Religionsattaché tätig war. Damit fiel die Übermittlung von Dossiers über Kritiker und Gegner des Erdogan-Regimes, die von Ditib-Imamen zusammengestellt worden waren, Ankara in Dileks Zuständigkeit. Die türkischen Generalkonsulate in Köln, Düsseldorf und München hatten Informationen an die türkische Regierung geliefert. Dies löste Ermittlungen deutscher Behörden und Verstimmungen auf der politischen wie diplomatischen Ebene aus. Laut Ditib steht künftig der Theologe Kazim Türkmen als Vorsitzender an der Spitze des Verbands.

Er soll den diplomatischen Rang eines Botschaftsrats bekleiden. Auf die Frage, ob auch Dilek und Generalsekretär Abdurrahman Atasoy Anstellungsverträge über die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet haben, war von der Ditib zunächst keine Antwort zu bekommen. Der Verband sieht in der Diyanet laut seiner Erklärung zur Vorstandsneuwahl aber „als Quelle ihrer spirituellen und religiösen Referenz auch weiterhin eine wichtige Stütze“.¹

Kölner Muslimen-Kongress

Wenn sich ein Teil der organisierten islamischen Gemeinschaft zu einem dreitägigen Kongress mit 100 Teilnehmern aus 17 Ländern trifft, um über „die Zukunft der Muslime in Europa“ nachzudenken, gibt es erst einmal wenig einzuwenden. Es ist gut, wenn sich Menschen in einer sich schnell wandelnden Welt Gedanken über ihre Rolle und ihre Identität machen. Problematisch wird es aber, wenn dies, wie in Köln, kein offener Dialog mit anderen islamischen Gemeinschaften oder Vertretern der Mehrheitsgesellschaft ist, sondern eine abgeschottete Zusammenkunft, die konspirativ wirkt. Noch problematischer erscheint dieses „II. Treffen der europäischen Muslime“ durch zwei weitere Faktoren: den schon im Titel erhobenen Anspruch, für alle Muslime in Europa sprechen zu können. Dies ist mitnichten der Fall. Die Gläubigen des Islam sind so heterogen in ihren Glaubensrichtungen organisiert, dass niemand für niemanden verbindlich den Kurs bestimmen kann. Zweitens versucht genau das aber offenbar die türkische Regierung mit ihrer Religionsbehörde Diyanet, die den Kongress mit Hilfe des von ihr gesteuerten Moscheeverbandes Ditib veranstaltet hat.

Dass dabei auch Mitglieder der je nach Spielart konservativen bis reaktionär-radikalen Muslimbruderschaft eingeladen worden sind, die in Deutschland aus gutem Grund vom Verfassungsschutz beobachtet werden, ist ein unappetitliches Detail. Wir lernen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung versuchen zunehmend und gezielt, mit dem Mittel der Religion Einfluss auf Bürger anderer europäischer Staaten zu nehmen, um die dort gelebte freiheitlich-demokratische, pluralistische Gesellschaftsform infrage zu stellen und zu untergraben. Was soll denn die Formulierung im Abschlussdokument von Köln, es könne keinen „deutschen“, „französischen“ oder „europäischen“ Islam geben, eine solche „Einschränkung“ stehe im „Widerspruch zur Universalität des Islams“. Richtig, der Islam ist wie das Christentum universell. Aber es gibt nicht wenige Muslime, die ihr Verständnis vom Islam sehr gut mit westlicher Lebensart vereinbaren können. Das jedoch wollen konservative Glaubensbrüder nicht akzeptieren. Wir lernen weiter, dass sich die Ditib inzwischen eindeutig als verlängerter Arm Ankaras versteht.

Daraus sollte zum Beispiel die NRW-Regierung die Konsequenz ziehen und den Verband nicht mehr als legitime Vertretung hier lebender Muslime behandeln. Und drittens wäre es an der Zeit, dass sich andere islamische Verbände in Deutschland öffentlich stärker dagegen wehren, von Ditib und ihren Hintermännern als „die Muslime“ mit vereinnahmt zu werden. Sie sollten sich ihr Religions- und Gesellschaftsverständnis nicht von politisch motivierten Ideologen bestimmen lassen, denen es mehr um irdische Macht als ums Gottesverständnis geht.²

¹Kölner Stadt-Anzeiger ²Sandro Schmidt – Kölnische Rundschau

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