Stellenabbau: Siemens verpasst den großen Wurf

Schlag für Berlin

Dass ein gut verdienender Konzern wie Siemens nun zum Instrument der Kündigungen greifen will, müssen Arbeitnehmer nicht nur in Berlin als Alarmsignal begreifen. Gute Leistungen und Konzerngewinne sind keine Garanten mehr für sichere Jobs. Die Zeiten, in denen man in jungen Jahren bei Siemens anfing und dort die Rente erreichte, sind vorbei. Abstrakt weiß man das schon länger. Nun wird Tausenden von Familien drastisch vor Augen geführt, was das bedeutet. Die von Siemens-Chef Joe Kaeser beschworene „Solidarität“ muss in ihren Ohren wie Hohn klingen. Zumal der Vorstand die Kooperation mit den Belegschaften aufkündigt und sich damit von der lange geltenden Firmenkultur verabschiedet. Joachim Fahrun – Berliner Morgenpost

Veröffentlicht am Freitag, 17.11.2017, 8:49 von Domenikus Gadermann

Massiver Stellenabbau, Standortschließungen, Kompetenz-Bündelungen – nach einem großen Wurf sehen die Pläne nicht aus, mit denen Siemens auf das schwächelnde Kraftwerksgeschäft reagieren will. Es reicht einfach nicht aus, den dramatischen Bestellungsrückgang von großen Gas- und Dampfturbinen zu beklagen. Die Top-Manager blieben auch gestern ein Konzept schuldig, wie sie von der Energiewende profitieren wollen.

Der Standort Mülheim muss einmal mehr bluten. Der geplante Abbau von 640 Stellen wird zu einer weiteren Arbeitsverdichtung und einer langen Phase der Unsicherheit führen. Die Verhandlungen über die Streichpläne bei Siemens gehen einher mit den gestern gestarteten Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie sowie der Betriebsratswahl im Frühjahr 2018. Es droht ein harter Kampf.

Dabei ist es gerade einmal zwei Jahre her, dass die Mülheimer Siemensianer 850 Holzkreuze aufstellten – eines für jeden Arbeitsplatz, der damals wegfallen sollte. Durch einen Großauftrag und kluge Verhandlungen kamen sie mit einem blauen Auge davon. Das weiter wegbrechende Kraftwerksgeschäft dürfte ihre Chancen jetzt nicht erhöhen. Frank Meßing – Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Wirtschaftsminister Martin Dulig zur Verlautbarung von Siemens

Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Wirtschaftsminister Martin Dulig sind sich einig, dass die durch die Siemens AG vorgestellten Schließungspläne im Bereich Power & Gas an den Standorten in Leipzig und Görlitz unverantwortlich sind. In Sachsen wären mehr als 700 Mitarbeiter in Görlitz und rund 200 Mitarbeiter in Leipzig betroffen.

„Ich habe überhaupt kein Verständnis für diese Entscheidungen, die jegliche regionale Verantwortung eines großen deutschen Konzerns vermissen lassen. Wir wollen jetzt mit Siemens über Alternativen für die sächsischen Standorte in Görlitz und Leipzig reden, um den guten Mitarbeitern eine Perspektive zu geben und das industrietechnische Know-how in Sachsen zu erhalten“, sagt der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich.

Wirtschaftsminister Martin Dulig zeigt sich wütend und empört über die Entscheidung von Siemens: „Es kann nicht sein, dass trotz enormer Rekordgewinne, die dieses Unternehmen einfährt, die Verantwortung für die Menschen und für die gesamte Industrieregion aufs Spiel gesetzt wird. Das kann nicht das letzte Wort sein. Nun kommt es auf die Stimmen im Aufsichtsrat an. Die Staatsregierung steht an der Seite der Arbeitnehmervertreter und der IG Metall im Aufsichtsrat, die einem solchen Konzept eine Abfuhr erteilen müssen. Ein Kahlschlag kann nicht die Lösung sein. Daher erwarte ich von Siemens, dass diese Entscheidung gegen Sachsen revidiert wird. Unsere Hand bleibt ausgestreckt, um vernünftige Lösungen zu finden.“ Mitteilungen Sächsische Staatskanzlei

Siemens stellt sich strukturellem Marktwandel und stärkt globale Wettbewerbsfähigkeit

Siemens reagiert auf den rasant zunehmenden Strukturwandel im Bereich der fossilen Stromerzeugung und im Rohstoffsektor. Mit einem Konsolidierungsplan für die Divisionen Power and Gas (PG), Power Generation Services (PS) und Process Industries and Drives (PD) sollen die Auslastung der Werke gesteigert, die Effizienz vorangetrieben und Kompetenzen durch die Bündelung von Ressourcen ausgebaut werden.

„Die Energieerzeugungsbranche befindet sich in einem Umbruch, der in Umfang und Geschwindigkeit so noch nie dagewesen ist. Der Ausbau und die Innovationskraft Erneuerbarer Energien setzen andere Formen der Energieerzeugung zunehmend unter Druck. Die jetzigen Maßnahmen knüpfen an unsere Anstrengungen an, die wir bereits vor drei Jahren gestartet haben, um unser Geschäft an die sich verändernden Marktbedingungen anzupassen“, sagte Lisa Davis, Mitglied des Vorstands der Siemens AG. „Wir wollen diese Maßnahmen rasch und umsichtig umsetzen und zugleich in künftige Wachstumstechnologien investieren. Wir wollen weiter in diesem Geschäft wachsen und dadurch ein kompetenter und zuverlässiger Partner für unsere Kunden sein. Dadurch können wir ihnen helfen, langfristig erfolgreich zu sein“, so Davis weiter.

„Die Einschnitte sind notwendig, um unser Know-how bei der Kraftwerkstechnologie, bei Generatoren und bei großen elektrischen Motoren nachhaltig wettbewerbsfähig halten zu können. Das ist das Ziel unserer Maßnahmen. Das wird uns aber nur gelingen, wenn wir Antworten auf die weltweiten Überkapazitäten und den dadurch ausgelösten Preisdruck finden“, sagte Janina Kugel, Chief Human Resources Officer und Mitglied des Vorstands der Siemens AG. „Wir werden diese Maßnahmen sorgfältig, umsichtig und langfristig anlegen“, erklärte Kugel weiter.

In den betroffenen Divisionen sollen laut der nun den Arbeitnehmervertretern vorgestellten Planungen über einen Zeitraum von mehreren Jahren weltweit in Summe rund 6.900 Arbeitsplätze wegfallen, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Die Maßnahmen beinhalten neben einer Anpassung der globalen Kapazitäten von PG und PS an das zu erwartende Marktvolumen auch die Bündelung von Kern Know-how in Kompetenzzentren sowie die Konzentration von Fertigungsvolumina an Standorten mit wettbewerbsfähigen Kosten. Zur Umsetzung sollen zeitnah Beratungen mit den zuständigen Arbeitnehmervertretern aufgenommen werden. Ziel ist es, die geplanten Maßnahmen möglichst sozialverträglich zu gestalten.

Die Nachfrage nach großen Gasturbinen (mit einer Leistung über 100 Megawatt) am Weltmarkt ist drastisch gesunken und wird sich voraussichtlich auf rund 110 Turbinen pro Jahr einpendeln. Die weltweite, technische Fertigungskapazität aller Hersteller wird dagegen auf etwa 400 Turbinen geschätzt. PG hat bereits vor drei Jahren begonnen, auf die veränderten Marktbedingungen zu reagieren und mit seinem Divisionsprogramm „PG2020“ in den Handlungsfeldern Kundennähe, Innovation, Kosten und Organisation erhebliche Fortschritte erzielt. Beispiele sind die weitgehende Regionalisierung der Geschäftsverantwortung, eine erhebliche Senkung der Produktkosten, Innovationen wie die neue mobile Gasturbine für den wachsenden Markt der schnellen Stromerzeugung oder die Markteinführung der neuen, effizienteren HL-Gasturbinen mit einem mittelfristig geplanten Wirkungsgrad von 65 Prozent. Siemens steht zu diesem Geschäft und wird weiterhin signifikant in die Entwicklung effizienzsteigernder Technologien investieren. Die bisher im Rahmen von PG2020 umgesetzten Maßnahmen müssen weiter verstärkt werden, da Umfang und Geschwindigkeit des Marktwandels erheblich zugenommen haben. Dies zeigt sich insbesondere auch in der Verfassung des Wettbewerbs in der Branche, der davon noch deutlich stärker als Siemens betroffen ist.

In Summe beläuft sich die Zahl der weltweit bei PG betroffenen Arbeitsplätze auf rund 6.100. In Deutschland ist eine Anpassung um rund 2.600 Stellen geplant. Die Pläne sehen vor, die Standorte Görlitz (aktuell rund 720 Arbeitsplätze) und Leipzig (circa 200 Arbeitsplätze) zu schließen. Zudem soll das Lösungsgeschäft (Solutions) der Standorte Offenbach und Erlangen zusammengelegt werden. Durch diese drei Maßnahmen sollen insgesamt 1.600 Stellen entfallen. Für den Standort Erfurt werden mehrere Optionen geprüft wie beispielsweise ein Verkauf. Darüber hinaus sollen etwa 640 Stellen in Mülheim an der Ruhr und etwa 300 in Berlin abgebaut werden.

Um das Know-how im Kraftwerksbau, -betrieb und in der -instandhaltung noch effektiver zu sichern und zu nutzen, ist geplant, Kompetenzzentren einzurichten.
Dies soll an Standorten passieren, an denen Kern-Know-how sowie Vorteile in der Wertschöpfungskette von Forschung und Entwicklung, Fertigung, Test und Logistik vorhanden sind und eine dauerhaft wettbewerbsfähige Entwicklung ermöglichen.

In Europa fallen außerhalb Deutschlands durch Restrukturierungsmaßnahmen insgesamt gut 1.100 Stellen weg. Außerhalb Europas sind weitere 2.500 Stellen betroffen, davon 1.800 in den USA durch Konsolidierung in der Fertigung sowie in der Verwaltung.

Bei PD erweist sich die Lage ganz besonders in der Rohstoffindustrie als sehr schwierig, da dort die Investitionsbereitschaft der Kunden auf einem niedrigen Niveau verharrt und die Wettbewerbsintensität durch Billiganbieter deutlich zunimmt. Ob im Bergbau, in der Stahlerzeugung oder beim Schiffbau: Die Nachfrage nach großen elektrischen Motoren und Generatoren ist auf Grund fehlender Kapazitätsausweitungen bei unseren Kunden in der Prozessindustrie deutlich gesunken. Eine Erholung in diesen Feldern ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Die Folge sind deutliche Überkapazitäten in der bestehenden Fertigungslandschaft für diese Technologien. Daher sind auch hier weitere Anpassungen notwendig, die in Summe rund 760 Stellen in Deutschland betreffen. Der Schwerpunkt liegt hier aufgrund ungenügender Auslastung und einem negativen Geschäftsausblick auf dem Dynamowerk in Berlin, dessen Fertigungskapazitäten in den PG-Werken in Mülheim an der Ruhr und Erfurt gebündelt werden sollen. Durch diese Maßnahme ist in Berlin der Abbau von rund 570 Stellen geplant. Eine Schließung des Standortes Berlin ist jedoch nicht vorgesehen. Den Planungen zufolge sollen vor allem in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Engineering, Service und Vertrieb Arbeitsplätze in Berlin verbleiben.
Gleichzeitig investiert Siemens weiter konsequent in Wachstumsmärkte und baut in den entsprechenden Geschäften Personal auf. So wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr weltweit fast 39.000 Menschen eingestellt, davon etwa 5.200 in Deutschland. Dadurch stieg die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland im Jahresvergleich leicht von 113.000 auf 115.000. Für 2018 sollen sowohl die Investitionen in Forschung und Entwicklung als auch in Produktionsanlagen deutlich ausgebaut werden. Die Zahl der Neueinstellungen dürfte in etwa auf Vorjahresniveau liegen. Die Zahl der offenen Stellen im Konzern lag zuletzt bei 3.200. Ziel ist es, möglichst viele der vom Umbau betroffenen Stellen auf freie Stellen im Konzern zu vermitteln beziehungsweise für diese zu qualifizieren. Siemens AG

DasParlament

Ihre Meinung ist wichtig!