Bundesdeutsche Zeitung

Merkel muss in Wirecard-Sondersitzung Rede und Antwort stehen

Wirecard

Der Wirecard-Skandal zieht immer weitere Kreise. Wir sehen scheinbar erst die Spitze des Eisbergs. Da jetzt auch das Bundeskanzleramt in den Informationsfluss eingebunden war, muss auch Bundeskanzlerin Merkel sich jetzt den Fragen dazu stellen, was genau sie gewusst hat. Und: Merkel muss erklären, welche Konsequenzen sie daraus gezogen hat und wenn keine, warum nicht. Besonders, dass sie sich in Kenntnis der Ermittlungen gegen Wirecard weiter international für das Unternehmen eingesetzt hat, wirft Fragen auf.¹

Die Zeit von der Sommerpause bis zum Jahresende dürfte sich Vizekanzler Olaf Scholz anders vorgestellt haben. Der sozialdemokratische Finanzminister strebt ins Kanzleramt. Sein entschlossenes Wirken in der Corona-Krise hat die Popularitätswerte des 62-Jährigen in die Höhe schießen lassen. Die kommenden Monate wird er nutzen wollen, um seiner Partei klarzumachen, dass kein anderer Sozialdemokrat als Spitzenkandidat für die nächste Bundestagswahl infrage kommt. Doch statt sich auf seine Werbetour in eigener Sache zu konzentrieren, muss Scholz Abwehrkämpfe führen: Am Mittwoch soll er gemeinsam mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier dem Finanzausschuss des Bundestages Rede und Antwort stehen.²

Traue keinem!

Von Wirecard ließen sich alle blenden. Der Fall, der jenseits des Vorstellbaren liegt, könnte Olaf Scholz seine Kanzlerkandidatur kosten.

Wirecard war der strahlende Stern. 2018 stieg der Konzern in den Olymp der Dax-Konzerne auf und war zeitweise mit 24 Milliarden Euro wertvoller als die Deutsche Bank mit 20 Mal so vielen Mitarbeitern – ein Luftschloss, in dem sich alle schön einrichteten: Analysten, Aufseher, Anleger, Prüfer und Politiker. Die Ursachen werden zu ermitteln sein, aber schon vor der morgigen Sondersitzung steht die Lehre aus dem multiplen Totalversagen fest: Traue keinem!

Wirecard, 1999 in Aschheim gegründet, entwickelte sich vom Start-up zum Shootingstar. Der Zahlungsabwickler für Pornogeschäfte und Glücksspiel wuchs zum Hoffnungsträger für ein Land, das sich endlich mit einem Star in der Internet-Branche brüsten wollte. Auf dem Gipfel schielte „Guru“ Markus Braun gar auf eine Übernahme der Deutschen Bank und studierte Logos mit dem Schriftzug „Wirebank“.
Wie konnten Wirtschaftsprüfer die Manipulationen jahrelang übersehen? Klar: Dass sich Chefs eines Dax-Konzerns zur Verbrecherbande verbünden, wovon die Staatsanwaltschaft heute ausgeht, mussten die Kontrolleure nicht vermuten. Wenn Prüfer mit gefälschten Unterlagen gefüttert werden, wenn externe Komplizen mitmachen, ist Betrug kaum zu entlarven. Wirecard zeigt aber, wie wenig ein Testat aussagt. Der „goldene Stempel“, auf den sich Anleger verlassen, ist offensichtlich das Papier nicht wert. Auf EY, einen der Big Four der Branche, rollt eine Klagewelle zu. Allerdings haften Wirtschaftsprüfer nur begrenzt, bis zu vier Millionen Euro. Sie verdienen außerdem nicht in erster Linie an den Testaten – die Cashcow sind die Beratungen – und die Prüfer rotieren nur selten. Das Verflechtungsrisiko ist hoch.

Warum hat die Bafin den Milliarden-Betrug notorisch ignoriert? Freilich: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ist für die Bank von Wirecard zuständig, nicht für den Konzern. Wenn sich der Bafin-Chef aber heute darauf beruft, es habe halt an Reichweite gefehlt, duckt er sich weg. „Man hätte schlicht nur ermitteln müssen, statt sich zum Steigbügelhalter von Betrügern zu machen“, sagen erste Kläger. Auffälligkeiten muss die Anstalt nachgehen – und Auffälligkeiten sind lange bekannt.
2008 erschienen erste Hinweise über Marktmanipulation – und versickerten. 2015 berichtete die Financial Times über den Verdacht getürkter Bilanzen – die Bafin schaute weg. 2018 legte die FT nach – und die Bafin erstattete Anzeige, allerdings nicht gegen Wirecard, sondern gegen die Zeitung. Im Februar 2019, spätestens, hätten die Manipulationen offenbar werden müssen. Aber bis das Luftschloss implodierte, dauerte es noch mehr als ein Jahr.
Warum griff Olaf Scholz nicht ein? Natürlich: Der Finanzminister prüft nicht selbst. Aber wenn er sich heute auf fehlende rechtliche Grundlagen beruft, redet er seine Rolle klein. Mehr Biss, mehr Durchgriff, mehr Kontrolle, mehr Haftung für Prüfer und Bafin fordert er vor der morgigen Sondersitzung – lauter Maßnahmen, die er längst in Stellung hätte bringen können. Der Vizekanzler, der sich als penibler, handlungsstarker Manager in Szene setzt, blieb bei Wirecard unverantwortlich lax. Als Kanzlerkandidat hat der SPD-Mann, den die eigene Partei als Vorsitzenden nicht wollte, jetzt ein ernsthaftes Problem. Der Untersuchungsausschuss, auf den es wohl hinauslaufen wird, wird dem Hoffnungsträger mitten im Wahlkampf unangenehme Fragen stellen.

Die Aktie von Wirecard fiel von 200 auf zwei Euro. Zigtausende Anleger sind ihr Geld los, tausende Angestellte vielleicht den Arbeitsplatz. Etliche Banken werden wohl auf 3,2 Milliarden Krediten sitzenbleiben und der Staat muss möglicherweise hunderte Millionen an Steuergeld zurückzahlen. „Jenseits des Vorstellbaren“, sagen selbst Insider über den Fall. Wir lernen gerade: Auch das Unvorstellbare passiert.³

¹Partei Die Linke im Bundestag ²Stuttgarter Nachrichten ³Marianne Sperb – Mittelbayerische Zeitung

Exit mobile version