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Glyphosat-Prozesse sind Bayer-Prozesse

Die Monsanto-Lawine - Weckruf aus den USA

Ein US-Urteil hat das Potenzial, die Glyphosat-Debatte anzuheizen. Für Europa kommt das einige Monate zu spät. Leider.

Ein US-Urteil heizt die Debatte ums Glyphosat wieder an. Geschworene attestierten einem 46-Jährigen, durch das Pflanzengift an Lymphdrüsenkrebs erkrankt zu sein und verdonnerten die Bayer-Tochter Monsanto in erster Ins­tanz zu 289 Mio. Dollar Schadenersatz. Das US-Urteil ist der nächste Weckruf für viele EU-Staaten. Sie hatten mehrere Alarmglocken zur Krebsgefahr des Herbizids zuvor überhört – vor allem den Befund der Weltgesundheitsorganisation, die Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hatte. Trotz aller Bedenken haben 18 von 28 EU-Ländern Ende 2017 mit Bauchweh und unter lautem Protest die Zulassung des Pflanzengifts in Europa um fünf Jahre durchgeboxt. Sie folgten damit der Agrarindustrie und Studien eigener Behörden, denen vorgeworfen wurde, passagenweise von Industriepapieren abgeschrieben und Krebsbefunde nicht berücksichtigt zu haben.

Im Raum stehen auch Abhängigkeiten zwischen Industrie, Untersuchungslabors und Behörden. Glyphosat ist das weltweit meistverwendete Unkrautvernichtungsmittel. Seit 1974 wurden 8,6 Milliarden Kilogramm versprüht. Und der Widerstand wächst. Ein Gericht in Brasilien hat den Glyphosat-Einsatz ausgesetzt, in Argentinien wird revoltiert, weil seit der Zulassung 1996 die Krebsfälle unter Bauern gestiegen sind. Französische Imker wiederum fanden jüngst Gylphosat-Rückstände im Honig. Und eine neue Untersuchung unabhängiger Forscher erhärtet den Verdacht von Gesundheitsgefahren durch das Pestizid. Europa hat sich trotzdem dafür entschieden, uns das Pflanzengift weitere fünf Jahre zuzumuten. Immerhin will Brüssel nun die Zulassungsprozedur reformieren. Auch ein Eingeständnis.¹

Natürlich ist das Glyphosat-Urteil in den USA Munition für alle, die den Kauf von Monsanto für Bayer schon immer als Deal mit unkalkulierbaren Risiken kritisiert haben, und für grüne Politiker, aus deren Sicht die Krebsgefahr weitaus höher ist als in den Augen der Wissenschaft. Nur: Es gibt keinen neuen Stand in der wissenschaftlichen Debatte. Ja, Glyphosat kann Krebs auslösen, aber nicht, wenn es sachgemäß gebraucht wird. Daran ändert ein einziges Urteil in den USA nichts. Also alles gut für Bayer und Monsanto? Mitnichten. Das Problem für die Leverkusener ist nicht die Diskussion um die gesundheitsschädliche Wirkung, egal, ob diese von Politikern, Umweltschützern, Lobbyisten oder Produzenten geführt wird. Schlimm für den Konzern ist die Klage-Lawine, die in den USA droht, die immer neue Millionenstrafen denkbar erscheinen lässt, die Geldgeber zu verunsichern droht. Und verunsicherte Investoren kann kein Konzern gebrauchen. Das ist die Gefahr, die Bayer unterschätzt hat, abseits aller möglichen ökonomischen Sinnhaftigkeit des Monsanto-Kaufs.²

Zu den jetzt in den USA zugelassenen Klagen gegen das Bayer-Tochterunternehmen Monsanto wegen der möglicherweise krebserregenden Wirkung seiner glyphosathaltigen Pestizide erklärt Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik:

Es ist gut, dass die Glyphosat-Prozesse jetzt stattfinden können. Die Frage, ob der Unkrautvernichter Krebs auslöst, ist nach wie vor umstritten. Auch die jetzt beginnenden Verfahren werden sie wahrscheinlich nicht abschließend beantworten können. Aber sie können, zusammen mit dem laufenden Sonderausschuss des Europaparlaments, wichtige Beiträge zur weiteren Aufklärung leisten, vor allem auch über die mindestens fragwürdigen Methoden von Monsanto bei Ghostwriting-Studien und die Einflussnahme auf Zulassungsverfahren. Durch die Monsanto-Übernahme gerät jetzt der Bayer-Konzern direkt ins Visier der US-Justiz, da hilft auch das Löschen des Namens Monsanto nichts. Folgerichtig muss man jetzt von den „Bayer-Glyphosat-Prozessen“ sprechen. In den Verhandlungen wird sich zeigen, was an den Läuterungsversprechungen von Bayer für seinen neuen Unternehmensteil dran ist.

Eins ist jedenfalls klar: Bayer hat auf beiden Seiten des Atlantiks ein Problem mit Glyphosat, das nach der Monsanto-Übernahme neben Aspirin und Alka Seltzer einer der großen Umsatzbringer des Konzerns ist. Dass Glyphosat jetzt sozusagen ein deutsches Produkt ist, darf nicht dazu führen, dass die Bundesregierung den im Koalitionsvertrag versprochenen Glyphosatausstieg aussitzt und verwässert. Im Gegenteil: dass der Glyphosat-Weltmarktführer jetzt in Leverkusen sitzt, erhöht die Verantwortung der deutschen Politik sogar noch.³

¹Max Strozzi – Tiroler Tageszeitung ²Georg Winters – Rheinische Post ³Bündnis 90/Die Grünen

2 Kommentare

  1. Knut Blomquist

    Auch auf die Gefahr hin das mich der Qualitätsjournalismus nicht versteht. Bestimmten Leuten geht es nur darum,
    Gelder aus deutschen Unternehmen raus zu ziehen. Das Beispiel VW hat doch gesessen, zeig mir jemand einen
    PKW Diesel aus Detroit, der sauberer läuft als bei VW. So ist es schon interessant dass jetzt Bayer post mortem,
    den Kopf für Monsanto hinhalten soll, und die sicherlich zuvor laufende Entschädigungsklage, hier ohne zu hinterfragen,
    BAYER in den Schoß gelegt wird. Es ist doch nur eine Pilot Klage, der weitere Geschädigte folgen. Wie viel Billarden
    dürfen den noch in die USA fließen, als das man dort befriedigt ist. Die Verhalten deutscher Konzerne, muten an
    wie ein Stockholmsyndrom, woraus sich die Lobbys hinter den Intrigen, geradezu das Recht formulieren.
    Ein Schelm, wer jetzt die Gagen der Manager durchleuchtet, die vor jedem Klagehof in den USA Männchen machen.

  2. Anonymous

    So ist das mit den Beweisen: die Mathematiker nehmen das sehr ernst, bei den Juristen genügt oft der erste Anschein und die Theologen brauchen nur zu glauben …

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