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Geldpolitische Kursänderung der Fed

Klare Ansagen der Fed

Die Exegese von Mitteilungen der US-Notenbank zur Geldpolitik ist normalerweise etwas für sprachliche Feinmotoriker. Wenn die Federal Reserve nach den regelmäßig stattfindenden Treffen des Offenmarktausschusses das Kommuniqué zu den jüngsten Einschätzungen der Währungshüter verteilt, findet man die stärksten Hinweise auf Veränderungen des geldpolitischen Kurses oft nur in einem neuen oder plötzlich fehlenden Wort an entscheidender Stelle. Und wenn der Chair der Notenbank nach diesen Treffen vor die Presse tritt, muss man auch auf die Abstände zwischen den Zeilen achten, um die zentrale Botschaft nicht zu überhören.

Nach dem ersten Treffen des Federal Open Market Committee (FOMC) in diesem Jahr war das ganz anders. Als Notenbankchef Jerome Powell am Mittwoch vor die Presse trat, um zu erklären, warum die Fed die Zinsen zum Auftakt des neuen Turnus unverändert lässt, hatten auch sprachlich wenig gewandte Beobachter der Fed längst erkannt, dass das geldpolitische Mantra der vergangenen Jahre komplett aus dem Kommuniqué gestrichen wurde. Kein Wort mehr von „graduellen Zinserhöhungen“. Stattdessen will die Fed „Geduld“ beweisen, bevor sie die nächsten Schritte unternimmt. Powell schloss später nicht aus, dass der nächste Schritt auch eine Zinssenkung sein könnte. Außerdem teilte die Fed mit, dass der Abbau ihrer Bilanzsumme früher als erwartet zu einem Halt kommen könnte und der Notenbank auch in Zukunft alle Instrumente zur Verfügung stehen, um einem Abschwung entgegenzuwirken.

Die Märkte hatten das gleich verstanden. Der S&P500 legte zum ersten Mal in der vor knapp einem Jahr begonnenen Ära Powell an der Fed-Spitze nach einem FOMC-Treffen zu und machte den größten Sprung nach einer Sitzung des Offenmarktausschusses seit 2014. Selbst US-Präsident Donald Trump, der Powell harsch kritisiert und für die Rückschläge auf dem US-Aktienmarkt verantwortlich gemacht hatte, jubelte.

Die Notenbank sei vor den Märkten eingeknickt, hieß es in Kommentaren, die Powell wegen der Zinspause den Spitznamen „Santa Pause“ verpassten. Tatsächlich ist es auffällig, dass die Fed mehrfach die verschlechterten Bedingungen an den Finanzmärkten zur Begründung der neuen Haltung anführt. Schwerer als der schlechteste Dezember seit 1931 auf dem US-Aktienmarkt dürfte für die Währungshüter aber der Abschwung in China mit seinen Folgen für die Weltwirtschaft wiegen; auch wenn von der zweitgrößten Volkswirtschaft nur zwischen den Zeilen die Rede war.

Die Signale seitens der US-Zentralbank Fed in Sachen künftiger Gangart in der Zinspolitik werden immer deutlicher. Immer mehr zeichnet sich ab, dass die Marktteilnehmer nicht mehr allzu viel bei den Zinserhöhungen zu erwarten haben und somit nun das Ende der Fahnenstange in greifbare Nähe gerückt ist, wenn es nicht schon erreicht ist. Dieser Tage kann man fast schon den Eindruck gewinnen, dass die Fed es ein wenig eilig damit hat, ihre Geduld auf dem Weg zu höheren Zinsen zu signalisieren.

Viele Teilnehmer des Offenmarktausschusses, der die Zinsbeschlüsse fasst, sind laut dem in der abgelaufenen Woche vorgelegten Protokoll der Meinung, dass die Fed nun Geduld bei der weiteren Zinsstraffung aufbringen sollte. Das war zur Wochenmitte bereits ein klares Signal. Am Donnerstag wurde die Ansage dann noch ein wenig deutlicher. Trotz des Booms am US-Jobmarkt, auf diesen weisen Befürworter weiterer Zinserhöhungen ja allzu gern hin, sieht nun auch Fed-Chef Jerome Powell keinen Grund zur Eile bei weiteren Zinserhöhungen. Sein Haus könnte in Anbetracht des geringen Inflationsdrucks durchaus geduldig sein, erklärte er in Washington. Die Notenbank sei nicht auf zwei Zinserhöhungen für dieses Jahr festgelegt, das sei kein Plan der Fed. Zwei Erhöhungen für 2019 gelten derzeit als die Prognose der Währungshüter.

Nur kurze Zeit später meldete sich dann James Bullard, Präsident der Federal Reserve von St. Louis, zu Wort. Er wurde noch deutlicher als Powell. Er bezeichnete den Zinsschritt vom Dezember bereits als „überzogen“. Er habe dagegen argumentiert. Bullard vertrat die Ansicht, dass die Fed keine weiteren Zinserhöhungen mehr projizieren sollte. Und schließlich findet Bullard auch, dass die US-Notenbank mit Blick auf Zinsanhebungen „am Ende der Straße“ angekommen sei. Die Fed müsste seiner Meinung nach nun aufpassen, nicht zu aggressiv zu werden und damit womöglich die Inversion der US-Zinskurve herbeizuführen. Eine Inversion gilt als Signal für eine aufziehende Rezession.

Das ist schon starker Tobak, der da aus der US-Zentralbank kommt. Als die Fed mit ihren Zinserhöhungen vor gut drei Jahren im Dezember 2015 begann, prognostizierten viele Marktteilnehmer schon recht hohe Zinsniveaus, wenn die Fed denn mal am Ende des Zyklus angekommen sein sollte. Mitunter war von knapp unter 4 Prozent beim US-Leitzins (Fed Funds) die Rede. Da war wohl oftmals der Wunsch Vater des Gedankens nach Jahren des Null- und Negativzinses an den Märkten. Nach dem Zinsschritt im Dezember 2018 ist die Fed mit der aktuellen Spanne beim Zielsatz für US-Tagesgeld von derartigen Niveaus immer noch ein gutes Stück entfernt. Vielleicht ist dieses Niveau auch der Endstand des laufenden Zyklus, und die Marktteilnehmer sollten sich von weiteren Steigerungen gänzlich verabschieden und damit eben auch von den zwei für dieses Jahr erwarteten Anhebungen.

Denn von den Finanzmärkten, aber auch aus der Wirtschaft kommen klare Signale, die die Fed vielleicht mit zu ihren klaren Ansagen motiviert haben könnten. Die US-Industrie hat jüngst deutlich an Schwungkraft verloren. Nach den guten Jahren – immerhin zehn an der Zahl – könnten sich nun magere Jahre einstellen. Ein wenig Pulver hat sich die Fed mit ihren Zinserhöhungen bereitgelegt, wenn sie der Wirtschaft bei einem Abschwung, der sich immer mehr andeutet, wieder stützend unter die Arme greifen muss. Ob dieses Niveau beim Leitzins, das deutlich unter den Niveaus vergangener Zinszyklen liegt, dafür ausreichend sein wird, muss sich dann erst noch herausstellen. Es wird davon abhängig sein, wie tief und lang die Rezession in den USA ausfallen wird.

Solche Signale in Richtung Rezession kommen aber nicht nur von der Wirtschaft, sondern auch vom Bondmarkt. Dort ist die Kurve im Verlauf des vergangenen Jahres immer stärker abgeflacht. Gegen Ende 2018 kam es dann zur Inversion, allerdings bislang nur im kurz- bis mittelfristigen Laufzeitenbereich. Das ist auch aktuell noch so: Am Freitag der abgelaufenen Woche lagen die zweijährigen Staatsanleiherenditen mit 2,55 Prozent über den fünfjährigen Anleiherenditen. Ein großer Abstand zu den zehnjährigen Sätzen besteht auch nicht mehr. Zehnjährige US-Staatsanleihepapiere rentieren mit gut 2,7 Prozent – sie sind jüngst kräftig zurückgefallen. Das ist auch bei der Fed alles nicht unbemerkt geblieben, wie die jüngsten Äußerungen zeigen. Man sollte sich besser darauf einstellen, dass die Fed die Wende nach unten vorbereitet.

Stefan Paravicini, Kai Johannsen – Original-Content von: Börsen-Zeitung

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