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China muss bei einer Vollanwendung von Strafzöllen mit Abstrichen beim Wirtschaftswachstum von 0,3 bis 0,7 Prozentpunkten rechnen

Wer hat den längeren Atem? Handelsstreit zwischen den USA und China

Eine alte Börsenweisheit besagt: „Politische Börsen“ haben kurze Beine, würden sich also nicht langfristig auf die Kursentwicklung am Aktienmarkt auswirken. Doch spätestens seit der Wahl von US-Präsident Donald Trump 2016 kann man diese Weisheit zu den Akten legen. Um rund 40 Prozent hat der US-Leitindex Dow Jones seitdem zugelegt, die US-Wirtschaft boomt. Nun stehen Zwischenwahlen in den USA an.

Am schlechtesten für alle Börsen wäre es wohl, wenn die Demokraten nur in einer Kammer die Mehrheit gewännen. Einerseits könnte Trump dann weiter schalten und walten, müsste sich aber auf Gegenwind einstellen. Auch da ist seine Reaktion fraglich. Für private Kleinanleger ist das eine komplizierte Situation. Nur Profis werden Wege finden, wie sie die unsicheren Zeiten am besten überstehen können.¹

Passend zum Halloween-Fest laufen aus China gruselige Konjunkturdaten ein. Der offizielle Einkaufsmanagerindex für den Industriesektor, der die Stimmungslage bei den großen Zugpferden im Verarbeitenden Gewerbe abbildet, fällt wesentlich stärker als erwartet auf 50,2 Punkte und damit auf den niedrigsten Stand seit fast drei Jahren zurück. Im Klartext heißt das, dass die Industrieproduktion zuletzt praktisch nicht mehr vom Fleck kam. Auch der bislang robuste Dienstleistungssektor verliert einiges an Schwung.

Über die Ursachen für den Stimmungsknick braucht nicht lange gerätselt zu werden. Der Handelsstreit zwischen China und den USA hat zwar noch nicht sichtbar auf die Außenhandelsvolumina abgefärbt, sorgt aber für niedrige Exportorder, Verunsicherung bei Unternehmensentscheidern und Zurückhaltung bei den Konsumenten. Nachdem Chinas Wirtschaft im dritten Quartal bereits langsamer als erwartet gewachsen ist, kommen nun erste Warnzeichen für eine beschleunigte Talfahrt im Schlussquartal. Das Klima wird zusätzlich von US-Präsident Donald Trump angeheizt, der mit weiter verschärften Strafzollmaßnahmen gegen China kokettiert.

Zu Halloween ziehen in den USA die Kinder in Verkleidung von Haustür zu Haustür und rufen „Trick or Treat?“. Damit wird man vor die Wahl gestellt, ihnen entweder Süßigkeiten zu spendieren oder einen Streich gespielt zu bekommen. Trump, dessen Gebaren oft mit dem eines zornigen Kindes verglichen wird, scheint im Hinblick auf ein anstehendes Treffen mit Chinas Präsident Xi Jinping entsprechendes im Sinn zu haben: Entweder wird China Konzessionen machen, um einen „großartigen Deal“ zu erlauben, oder aber die zweite Strafzolllawine losgetreten.

Nach allen bisherigen Erfahrungen mit Trumps Verhandlungstaktik ist die volle Entfaltung der im Raum stehenden handelspolitischen Strafen unabhängig vom Gesprächsausgang beim Treffen Ende November bereits beschlossene Sache. Chinas Wirtschaftsplanern wird klar, dass mit einer Abwartehaltung nichts zu gewinnen ist, und irgendwann sowieso fällige Stimuli besser früher als später eingeleitet werden sollten. Am Mittwoch hat das Politbüro wissen lassen, dass man zeitnahe Schritte zur Abwendung der konjunkturellen Schwäche als notwendig ansieht. In China werden also Bonbons zu Halloween verteilt, allerdings nicht als handelspolitische Konzessionen an die USA, sondern in Form eines Stimuluspakets an der heimischen Front.

Es kam, wie es wohl kommen musste. Im epochalen Handelsstreit zwischen den beiden weltweit größten Wirtschaftsnationen legen die USA mit Zöllen auf chinesische Waren im Wert von 200 Mrd. Dollar die Latte ein gewaltiges Stück höher.

US-Präsident Donald Trump hat in seiner mittlerweile schon berechenbaren „Unberechenbarkeit“ den gleichen Trick wie im Juni angewendet: Es werden zunächst neue Handelsgesprächsrunden in Aussicht gestellt, aber bevor diese Wirkung zeigen können, treten neue Zölle in Kraft, um den Druck zu erhöhen. China hat damit wenig Gelegenheit, auf eine sinnvolle Kompromisslösung hinzuarbeiten. Denn auch jetzt lautet die Drohung aus Washington, dass chinesische Gegenmaßnahmen die nächste US-Zolllawine folgen lassen. Dabei stehen weitere 267 Mrd. Dollar im Raum.

Peking hat es nicht so mit der psychologischen Kriegsführung und gibt sich berechenbar. Die neuen Zölle werden zeitgleich mit Gegentarifen beantwortet, die allerdings maßvoller ausfallen – allein schon deshalb, weil es gar nicht genügend US-Exporte nach China gibt, um exakt gleichziehen zu können. Der guten internationalen Freihandelsordnung halber wird erneut die Welthandelsorganisation WTO eingeschaltet, auch wenn dieser Weg nicht sonderlich vielversprechend ist. Darüber hinaus signalisiert man Washington weiterhin Verhandlungsbereitschaft, um den Konflikt über die Dialogschiene zu regeln, auch wenn entsprechende Hoffnungen immer weiter verfliegen.

So oder so kann China nicht darauf zählen, dass irgendwelche Konzessionen, die nach US-Vorstellungen auf eine weitgehende Abkehr vom staatsgelenkten Wirtschaftsmodell hinauslaufen, Trump tatsächlich dazu bewegen werden, Zölle wieder zurückzunehmen. Dies könnte wohl erst dann geschehen, wenn die US-Wirtschaft und auch die Wall Street vom Handelsstreit ernsthaft getroffen werden und sich verschärfter Unmut gegen Trump richtet.

China muss bei einer Vollanwendung von Strafzöllen mit Abstrichen beim Wirtschaftswachstum von 0,3 bis 0,7 Prozentpunkten rechnen. Allerdings erlaubt das staatsgelenkte Wirtschaftsmodell mit gezielten Impulsen die Einbußen an der Außenhandelsfront wieder zu kompensieren. Das verschafft einen langen Atem. Chinas Aktienmarkt liegt unter dem Eindruck des Handelsstreits bereits am Boden, an der Wall Street hingegen gibt es eine beträchtliche Fallhöhe. So steht ein längerer Grabenkrieg an, bei dem die USA möglicherweise mehr zu verlieren haben.²

¹Stuttgarter Zeitung ²Norbert Hellmann – Börsen-Zeitung

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