Air Berlin: Jetzt schlägt die Stunde der Kartellwächter

Im Landeanflug

Das war’s. Von der zweitgrößten deutschen Fluglinie bleibt nichts als ein gebrochenes Schokoherz. Es ist ein beschämender Tag für frühere Vorstände und Kontrolleure, die Air Berlin mit Größenwahn und Ignoranz in den Abgrund geflogen haben. Es ist ein bitterer Tag für Tausende Mitarbeiter und Hunderttausende Passagiere.

Veröffentlicht am Mittwoch, 18.10.2017, 10:41 von Domenikus Gadermann

Es ist ein guter Tag für die Lufthansa: Der Konzern, der 2015 mit Germanwings-Absturz, Dauerstreiks und drohendem Dax-Abstieg Schlagzeilen machte, fliegt wieder vorneweg. Er ist einen Konkurrenten los und kommt günstig an Slots und Maschinen. Die Lufthansa hat zu Recht den Zuschlag bekommen. Andere konnten mit ihren teils windigen Angeboten nicht überzeugen. Nun schlägt die Stunde der Kartellwächter. Die Lufthansa macht es sich zu einfach, wenn sie auf den scharfen Wettbewerb in Europa verweist. Die Behörden werden prüfen, ob es zu Monopolen bei einzelnen Standorten und Strecken kommt. Entscheidend ist, wie es auf den „relevanten Märkten“ aussieht, wie Ökonomen sagen. Die gründliche Prüfung ist umso wichtiger, als die Konsolidierung der Branche, die sich in eine ruinöse Billigflug-Konkurrenz gestürzt hatte, noch weiter geht. Air Berlin wird nicht die letzte Pleite sein. Rheinische Post

Air Berlin und Lufthansa

Die Konkurrenz regt sich auf. Ein frecher Vogel hat der Lufthansa die insolvente Fluglinie Air Berlin zugespielt. Gemeint ist der Chef Deutschlands einstiger zweitgrößter Fluggesellschaft: Thomas Winkelmann. Der gebürtige Hagener, langjährige Führungskraft in der Lufthansa-Gruppe, soll als Trojaner seit Februar für eine zügige Zerschlagung von Air Berlin gesorgt haben. Ein Komplott? Winkelmann weist das als Unsinn zurück. Stoff für einen Wirtschaftskrimi um die Herrschaft am Himmel in Europa liefert die freundliche Übernahme allemal. Weil, es ist so gekommen.

Die Lufthansa wirkt gestärkt, kassiert die Slots (Start- und Landerechte) von Air Berlin, die Gold wert sind und kann die schwächelnde Alitalia umgarnen. Die Anleger jubeln, die Aktien der Lufthansa klettern in ungewohnte Höhen. Alles nur Gewinner?

Natürlich nicht. Betroffen sind die Kunden annullierter Langstreckenflüge von Air Berlin. Wer vor dem Insolvenzdatum am 15. August gebucht hat, bekommt keinen Cent zurück. Es geht um 100.000 Tickets. Betroffen sind mindestens 2000 der 8000 Beschäftigten des Pleitefliegers, die ihre Stelle verlieren. Unwichtigkeit am Rande: Das Gehalt von Thomas Winkelmann war trotz Insolvenz nie in Gefahr. Eine Bankgarantie sichert sein Jahresgehalt von 950.000 Euro, auch im Fall einer ordentlichen Kündigung. Joachim Karpa – Westfalenpost

Die Zerschlagung von Air Berlin ist perfekt und Lufthansa der große Gewinner. Konzernchef Carsten Spohr hatte geduldig auf jenen Tag Mitte August gewartet, an dem Etihad bei Air Berlin den Stecker zog und die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Insolvenz anmelden musste. Aller teuren Altlasten wie Schulden, Personal und Leasingverträgen enthoben übernimmt Lufthansa ein maßgeschneidertes Paket an Fliegern und Routen. Über den Zuschnitt hat der Konzern schon vor der Vertragsunterzeichnung mit den zuständigen Wettbewerbshütern in Brüssel gesprochen und Auflagen einkalkuliert.

Dennoch bleiben einige nicht unwesentliche Teile des Geschehens, die Lufthansa nur schwerlich kalkulieren kann. So ist nicht zuletzt von Bedeutung, was mit dem Rest von Air Berlin passiert, den die Kranichlinie aus kartellrechtlichen Gründen nicht übernehmen kann. Ebenso wie das Air-Berlin-Management hatte Spohr auf den „Partner“ Easyjet gesetzt, mit dem neben Lufthansa als einzigem seit rund drei Wochen exklusive Verhandlungen geführt wurden. Sowohl was die Sondierungsgespräche in Brüssel angeht als auch beim Kaufpreis und den Folgekosten von rund 300 Mill. Euro dürfte der Konzern unterstellt haben, dass auch mit Easyjet ein Abschluss erzielt wird. Die Briten sind jener Wettbewerber, der für Lufthansa als berechenbar gilt, mit dem sie glaubt, am besten auf Augenhöhe konkurrieren zu können.

Doch Easyjet droht im Landeanflug abzudrehen und hat dem Vernehmen nach ihr Gebot gesenkt. Air Berlin verhandelt mit Hochdruck weiter und will – oder muss – nun auch erneut die Thomas-Cook-Tochter Condor als Interessentin in Betracht ziehen. Dabei drohen dem Insolvenzverwalter nicht nur erhebliche Einbußen gegenüber seinem bisherigen Szenario, sondern auch die Gefahr, dass Air Berlin das Geld ausgeht. Im Wettlauf gegen die Zeit wird seine Position täglich schwächer. Das weiß auch Easyjet, die sowohl den Preis drücken als auch lukrative Landerechte sichern will.

Falls Easyjet zu hoch pokert oder sich tatsächlich zum Rückzug entschließt, droht der Lufthansa doch noch unliebsame Konkurrenz im Heimatmarkt, wenn etwa Ryanair bei der Neuvergabe der Landerechte gut zum Zuge käme. Neben all diesen Unwägbarkeiten kann die Lufthansa überdies nicht sicher sein, dass die Air-Berlin-Piloten in Anbetracht von Gehaltsabschlägen bis zu 40% bei ihr Schlange stehen werden. Falls nicht könnte auch ihr Wachstumskurs von Personalmangel gebremst werden. Es ist daher nicht auszuschließen, dass es im Anflug auf die Landebahn noch ein paar Turbulenzen gibt. Heidi Rohde – Börsen-Zeitung

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