Massaker in Las Vegas und die Folgen

Las Vegas: Fluch der Waffen

Es gibt in Amerika nicht mehr böse oder mental gestörte Bürger als in anderen Industriestaaten. Anders ist der leichte Zugang zu Schusswaffen. Diesen zu begrenzen ist kein Allheilmittel, aber die einzig plausible Strategie. Australien oder Großbritannien haben nach eigenen Tragödien vorgemacht, dass Beschränkungen funktionieren. Viele US-Bürger sind aber nicht bereit, vom historisch geprägten Ethos der Selbstjustiz mit der eigenen Waffe Abschied zu nehmen. Und ihre Politiker halten sie zu wenig dazu an. Stuttgarter Nachrichten

Veröffentlicht am Mittwoch, 04.10.2017, 9:40 von Domenikus Gadermann

Stephen Paddock (64) brachte es über Nacht zur Berühmtheit. Rund um die Welt verbindet jeder halbwegs aufmerksame Zeitungsleser seinen Namen mit dem Massenmord kurz vor dem Finale eines „Country-Festivals“ am Südende des „Strips“ in Las Vegas. Damit bekommt er genau das, wonach alle Psychopathen gieren: Aufmerksamkeit. Experten raten schon seit langem dazu, den Tätern diesen Gefallen zu verweigern. Statt dem Rat zu folgen, bauen die TV-Nachrichtenkanäle auch diesem Wahnsinnigen wieder die große Bühne auf. Lustvoll berichten sie die grausigen Details: Wie der Mörder vorging, welche Waffen er benutzte und wie er Position bezog. Hemmungslos zerren die TV-Sender Menschen vor die Kameras, die sicht- und hörbar noch unter Schock stehen. Von den Betroffenen selbst über Angehörige, die ihre Lieben verloren haben, bis zu Familienmitgliedern des Täters.

Maximiert wird das öffentliche Trauma, indem zapplige Handy-Videos in Endlosschleife das Grauen dokumentieren, es zu einem Massenspektakel machen. All dies hat weniger mit dem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit an Information zu tun als der Jagd nach Einschaltquoten. „If it bleeds it leads“ lautet das zynische Kalkül, das die Tage nach den Massenmorden in den USA so unerträglich machen. Und in einer TV-Routine münden lassen, die Nachahmer motiviert, einander zu übertreffen. Paddock tötete die meisten Menschen, Adam Lanza schockierte, weil er Grundschulkinder in Sandy Hook abschlachtete, Dylan Roof, indem er in einer schwarzen Kirche von Charleston die Teilnehmer eines Bibelkreises kaltblütig niedermetzelte. Der Umgang mit dem Schrecken entwickelte sich seit dem Massaker an der Columbine High School von Littleton 1999 zu einem folgenlosen Ritual, dessen Drehbuch die Rollen klar verteilt. Der Präsident ruft zur Einheit auf. Republikaner bieten Gebete an. Demokraten fordern strenge neue Gesetze. Tränenreich berichten Betroffene vor laufenden Kameras von dem erfahrenen Leid, Verlust und Horror, während Reporter atemlos das Leben der Täter ausleuchten.

Es gibt Helden und Anti-Helden. Nur ändern tut sich am Ende nichts, weil die wirklich wichtigen Fragen nicht mit der nötigen Hartnäckigkeit gestellt werden. Eine funktionierende Öffentlichkeit nähme in dem einzigen Industrieland, in dem Massaker auf der Tagesordnung stehen, die Ausreden von Verantwortlichen nicht hin, die behaupten, so etwas sei einfach nicht zu verhindern. Eine funktionierende Öffentlichkeit würde fragen, warum es in den USA mehr Waffen als Einwohner gibt. Oder mehr Amerikaner durch Gewehrkugeln daheim starben als in allen Kriegen zusammen genommen? Oder warum die Mordrate mit Schusswaffen um das 20-fache der anderer Industrienationen liegt? Oder warum weiße Männer überdurchschnittlich häufig die Täter sind? Es wäre schon viel damit getan, Psychopathen wie Stephen Paddock posthum den großen Auftritt zu verweigern. Zum Beispiel, indem die Namen der Täter zeitnah nicht publiziert und ihre sozialen Medienkonten umgehend vom Netz genommen werden.

Niemand muss die Details ihres teuflischen Vorgehens erfahren, um zu verstehen, was geschehen ist. Auch das schamlose Vorführen der Betroffenen sollte aufhören. Weniger Boulevard würde vielleicht dazu beitragen, zu begreifen, wie zynisch Emotionen ausgebeutet werden. In ihrer Angst, selber Opfer zu werden, rüsten die Amerikaner in den Tagen nach Massenschießereien traditionell auf. Mit dem traurigen Ergebnis, dass sich an ihrer Obsession mit den Waffen seit Jahrzehnten nichts geändert hat. Mittelbayerische Zeitung

Las Vegas: Fluch der Waffen

Der hausgemachte Fluch der Waffen, er hat erneut die USA mit brutaler Gewalt getroffen. Aber wer glaubt, die an Kriegsschauplätze erinnernde Zahl der Opfer und Verletzten von Las Vegas wird das seit Jahren überfällige Umdenken bei den teilweise hanebüchen laxen Waffengesetzen auslösen, der irrt. Abseits einiger wackerer Demokraten wird das Gros des politischen Establishments wie bei allen Tragödien zuvor (Newtown, Orlando etc.) nach Ableisten der üblichen Trauer-Rituale diesmal noch schneller als sonst zur Tagesordnung übergehen. Anders als sein Vorgänger, hat sich Präsident Trump auf Gedeih und Verderb der Waffen-Lobby der „National Rifle Association“ ausgeliefert. Ein Verein, der sich mit über fünf Millionen Mitgliedern im Rücken allen Beschränkungen des in der Verfassung garantierten Rechts auf Waffenbesitz widersetzt. Dabei führt an der simplen Erkenntnis nichts vorbei: Irre, und als solchen muss man den Massenmörder Stephen Paddock bezeichnen, können in den USA unter Missbrauch der Verfassung viel zu leicht an schwere Schusswaffen gelangen. Nur dadurch erklären sich die immer wieder passierenden Amokläufe und Massenschießereien. Es gibt sie so in anderen Teil der Welt schlicht nicht. Das „Land der Mutigen und Freien“ ist in einem grausamen Anachronismus gefangen. Über knieende Football-Spieler, die vor der National-Flagge gegen Rassismus aufbegehren, kann sich das Land wochenlang bis aufs Blut streiten. Das Massaker am Mandalay Bay wird schon bald vergessen sein. Dirk Hautkapp, Washington – Neue Westfälische

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