Gefährliches Spiel eines blutigen Anfängers – Trump gegen Kim

Alle gegen Trump

Niemand weiß, wie Nordkorea einzudämmen ist, aber völlig klar ist: Wem mit der Atombombe gedroht wird, der weiß, dass die einzige Möglichkeit, sich zu verteidigen, darin besteht, auch eine zu haben. Der Atomwaffensperrvertrag ist schon vielfach gebrochen worden. Trumps Politik beflügelt das vielerorts bereits bestehende Verlangen nach einer eigenen Nuklearbewaffnung in immer mehr Staaten. So fürchterlich Donald Trump ist, er hilft uns doch, die neuen Verhältnisse klarer zu sehen. Nicht weil er sie uns zeigt. Sondern sein Wunsch, eine Harry-Truman-Welt – ohne die UdSSR – auferstehen zu lassen, wirkt als Kontrastmittel, das uns unsere Zeit genauer erkennen lässt. Frankfurter Rundschau

Veröffentlicht am Freitag, 22.09.2017, 9:40 von Domenikus Gadermann

In amerikanischen Denkfabriken hält sich hartnäckig die These, dass Donald Trump der „Madman“-Theorie folgt, um Nordkorea zum Einlenken zu bewegen. Zum ersten und für lange Zeit letzten Mal angewandt von Richard Nixon gegen Russland, besteht ihr Kern darin, den Gegner mit allem rechnen zu lassen – und dadurch zu Zugeständnisse zu bewegen. Trump, glauben manche Experten, folgt dem Beispiel seines Vorvorgängers, um das Regime in Pjöngjang zur Einstellung der Raketentests zu zwingen. Um obendrein China die möglichen Konsequenzen vor Augen zu führen, damit es den Druck auf Kim Jong Un erhöht.

Was für ein Vabanquespiel! Ein blutiger Amateur der Politik setzt sich ans geostrategische Schachbrett. Ein Mann, der im Immobiliengeschäft mit harten Bandagen und Bluffs zu kämpfen verstand, und der nun glaubt, Gleiches ließe sich in der Weltarena problemlos wiederholen. Erklärtermaßen stolz auf seine Unberechenbarkeit, führt sich der US-Präsident auf, als wäre nichts dabei, eben mal mit der totalen Zerstörung eines ganzen Landes zu drohen. Sicher, die Provokateure sitzen in Pjöngjang, nicht in Washington. Nur ist dies gewiss nicht der Ton, mit dem sich eine akute Krise entschärfen lässt. Rheinische Post

US-Präsident Trump vor den Vereinten Nationen – Cowboy auf der Weltbühne

Es gibt Momente, da offenbart sich die politisch-moralische Fitness einer Weltmacht während einer einzigen Rede. Gemessen an dem, was Donald Trump bei seinem ersten Auftritt auf der Weltbühne der Vereinten Nationen hinterließ, kann man von beängstigendem Trainingsrückstand sprechen. Während seiner überlangen Rede hat der US-Präsident in einer Kernfrage die klassischen, mühseligen und oftmals erfolglosen Instrumente multilateraler Diplomatie in den Senkel gestellt. Stattdessen nutzte er die Generalversammlung als Plattform für Cowboy-hafte Drohungen. Seinen Anhängern wird der martialisch-rhetorische Angriff auf Nordkorea und Iran, die von Trump de facto mit einem Haltbarkeitsdatum versehen wurden, gefallen haben. Das Heer der Diplomaten, die sich unter dem Dach der UN um den Zustand des Planeten kümmern, erfasste dagegen ein Schrecken.

Hatte nicht schon George W. Bush ähnlich argumentiert, als er 2002 (damals noch mit Irak) die gleichen Länder auf der „Achse des Bösen“ verortete? Das Ergebnis ist bekannt. Mit jeder Minute, die Trump nutzte, um Pjöngjang und Teheran maßlos im Ton als die Oberschurken schlechthin zu brandmarken und ihnen bis zur „völligen Zerstörung“ Vergeltung anzudrohen, wurde der Widerspruch zu einem anderen Eckpfeiler im Weltbild des gelernten Immobilien-Unternehmers deutlich: Nationale Souveränität, die Akzeptanz von Verschiedenheit, die Verpflichtung zur Nichteinmischung in auswärtige Angelegenheiten – laut Trump höchste Güter im Zusammenleben der Völker – hat Grenzen, wenn in Washington ein Mann die Notwendigkeit zum militärischen Eingreifen sieht. In Peking und Moskau, wo sich beide Führer den Weg nach New York sparten, kann man sich die Irritation über Trumps „Raketen-Mann“-Rhetorik leicht ausmalen.

Im Sicherheitsrat haben China und Russland bisher den US-Kurs gegen Kim Jong Un mitgetragen. Für die Vernichtungs-Rhetorik geben sie sich nicht her. Mit seiner bellizistisch geprägten Rede hat Donald Trump auch das leidenschaftliche und zugleich besonnene Plädoyer von UN-Generalsekretär Antonio Guterres für eine diplomatische Lösung im Konflikt um Nordkorea zur Nullnummer gemacht. Danach sieht es nun noch weniger aus. In einen Krieg zu „schlafwandeln“, wie der Spitzenmann der Vereinten Nationen gewarnt hatte, ist seit Trumps Rede in den Bereich des Möglichen gerückt. Dirk Hautkapp, Washington – Neue Westfälische

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