Krönung des Bundespräsidenten – Vom Ritterschlag bis König

Übermut tut selten gut

Es ist eines, als Außenminister beliebt zu sein. Es ist etwas anderes, als Präsident durch Sprache und Tun eine zunehmend mürrische, mit der Politik und sich selbst hadernde Gesellschaft vor notorischer Anti-Haltung zu bewahren. Wie es gehen könnte, machte am Sonntag ausgerechnet einer vor, den vielen gern als Präsident gesehen hätten: Bundestagspräsident Norbert Lammert verurteilte Abschottung und Vormachtstreben der USA unter Trump rhetorisch derart brillant, dass es die meisten Delegierten ergriffen von den Sitzen riss.

Veröffentlicht am Montag, 13.02.2017, 8:45 von Domenikus Gadermann

Aber ach, Lammert hatte sich nicht aufstellen lassen, die CDU keinen anderen Kandidaten gefunden. Erst dieser Umstand brachte Steinmeier die Unterstützung der Union ein. CDU/CSU täten gut daran, dies jetzt nicht als Demütigung zu begreifen. Ein Präsident Steinmeier ist schließlich keine Schande, sondern eine Chance. Steinmeier ist eine Chance. Thomas Fricker Badische Zeitung

Plötzlich Bundespräsident

Für einen Moment brandete Applaus für einen Mann auf, der fast zwei Jahrzehnte lang in Bremen politisch und akademisch gewirkt hat: Christoph Butterwegge hatte immerhin 128 Stimmen der Bundesversammlung auf sich vereint. Der Politik-Professor, der zuletzt in Köln lehrte, hat ein schwieriges Verhältnis zur SPD, in der er immer wieder aktiv war, aus der er aber längst ausgetreten ist. Der kurze Applaus für den parteilosen Kandidaten der Linkspartei passte zur gelösten Stimmung in der Bundesversammlung, in der mit 931 Stimmen bestätigt wurde, was abgemacht war: Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident. Ein inzwischen gelöschter Tweet der Berliner SPD, die ihn mit einem Bild des Bellevue zuvor zum „sozialdemokratischen Schlossherrn“ ausgerufen hatte, bringt das Unbehagen unfreiwillig auf den Punkt. Das Wahlergebnis hatte man nicht einmal abgewartet, weil es sonnenklar war, man hatte Gefallen am Herrscherschloss gezeigt und die Überparteilichkeit des Bundespräsidenten negiert. Doch der Tweet wird schneller zur Anekdote verblassen, als die Blumen der Bundeskanzlerin für Steinmeier welken können. Denn mag sein Weg ins Bellevue auch abgekartet gewesen sein, er ist der Richtige für das Amt.

Ein erfahrener Diplomat steht nun an der Spitze des Staates. Zwischen Männern wie Donald Trump und Wladimir Putin beruhigt einer wie er ungemein. Deutschland sei ein „Anker der Hoffnung“ in der Welt und müsse Freiheit und Demokratie in einem geeinten Europa verteidigen, sagte er in seiner Dankesrede. Politische Vernunft, Zuversicht und Mut forderte er. Brillant war das nicht, aber richtig. Ohne viel Aufhebens machte er deutlich, dass er in dem tosenden Meer alternativer Fakten Kurs halten will. Seine erste Umarmung galt Sigmar Gabriel, dessen taktischer Finesse er sein Amt zu verdanken hat. Doch nun will die SPD ihren glücklosen Parteichef schnell hinter sich lassen. Das Schloss ist errungen, jetzt soll es auch noch das Kanzleramt sein. So verständlich das ist: Steinmeier war der Kandidat der Großen Koalition, und ihre Fortsetzung bleibt bis auf Weiteres das wahrscheinlichste Szenario. Es hat sich am Sonntag wenig verändert in Deutschland. Moritz Döbler – Weser-Kurier

Die große Herausforderung für einen guten Leistungssportler besteht darin, genau zum richtigen Zeitpunkt die optimale Form zu haben. Wer ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen Wettkampf auf Wettkampf gewinnt, dem könnte zum großen Ringen die Puste ausgehen. Die SPD ist derzeit in einer Jubelphase. Alles scheint zu gelingen. Toller überraschender Kanzlerkandidat, Super-Umfragewerte, reihenweise Eintritte und gestern wurde einer ihrer Besten zum nächsten Bundespräsidenten gewählt. Die Genossen können ihr Glück nach langer Durststrecke kaum fassen. Doch sie sollten sich an Frank-Walter Steinmeier ein Vorbild nehmen, nicht übermütig werden und statt dessen ruhig, konzentriert und fleißig auf die Bundestags-Wahl hinarbeiten. Am 24. September gilt es – nicht heute. Das zum Einen. Zum Anderen: Die Wahl des Lippers zum Staatsoberhaupt ist kein Signal für Rot-Rot-Grün im Bund. Und auch nicht für einen anderen Wechsel. Das unterscheidet sie von der Wahl Gustav Heinemanns 1969, die als Vorzeichen für den Regierungswechsel im Herbst desselben Jahres gilt. Das hat Angela Merkel in letzter Sekunde und in höchster Not verhindert.

Denn die Kanzler-Vorsitzende der CDU hat die gesamte Union soeben noch auf die Wahl des Sozialdemokraten Steinmeier verpflichten können. Das ging vielen Konservativen zwar quer ab, hat aber dazu geführt, dass der Präsident nicht gegen die Vorstellungen der Union gewählt werden konnte und das Wechselsignal ausbleibt. Im September wird sich niemand mehr daran erinnern, dass CDU und CSU nicht in der Lage waren, einen respektablen eigenen Kandidaten oder Kandidatin für das Schloss Bellevue zu präsentieren. Dann gilt nur noch das Rennen Kanzlerin Angela Merkel gegen Herausforderer Martin Schulz. Allerdings, und das kann weiteren Rückenwind für die SPD bedeuten: Wenn Steinmeier die erwartet gute Figur als Staatsoberhaupt macht, wird das bei aller gebotenen parteipolitischen Zurückhaltung des Amtsinhabers eher der SPD als der Union nutzen. Von daher hat der scheidende Parteivorsitzende Sigmar Gabriel für seine Partei alles richtig gemacht. Gleichzeitig wird offensichtlich, dass Angela Merkel schwächer wird. Personelle und inhaltliche Alternativen sind ihr ausgegangen, sie kann sich nur noch auf Wenige stützen. Aber sie wurde noch immer unterschätzt und könnte pünktlich zur Wahl wieder topfit sein. Carsten Heil – Neue Westfälische

Deutschland wählt neuen Bundespräsidenten

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  1. Anonymous Dienstag, 14. Februar 2017, 21:36 um 21:36 - Reply

    Heute ein König…

    • Anonymous Samstag, 18. Februar 2017, 17:46 um 17:46 - Reply

      Bin ein armer Koenich
      gib mir ned zu woenich

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