Die Mär vom Märtyrer Sigmar Gabriel

Posted on Jan 25 2017 - 10:43am by Magnus Hoffestett

Sigmar Gabriel hat sich mit einem Paukenschlag verabschiedet. Er lässt alles stehen und liegen und flüchtet sich in das relativ komfortable Außenministeramt. Das Ganze verkauft er als selbstlose Entscheidung im Interesse der Partei, die via Interviews über die Rochade an der Spitze informiert wird. Währenddessen versuchen die düpierten Berliner Spitzengenossen, in der Außenwirkung das Schlimmste zu verhindern und die Mär vom Märtyrer Gabriel aufzubauen. Im nächsten Atemzug wird noch schnell der bisherige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der in der Bundespolitik noch nie in verantwortlicher Position in Erscheinung trat, zum neuen Heilsbringer der SPD erklärt.

Doch der Reihe nach: Sigmar Gabriel hatte von seiner Partei stets ein geordnetes Kandidaten-Verfahren gefordert und zugleich Selbstdisziplin der Parteispitze zugesagt. Dass er dieses Versprechen derart brachial brach, lässt auf einen tiefgehenden Frust wegen seiner schlechten Wahlaussichten und/oder massiven Ärger über seine Partei schließen.

Sigmar Gabriel hat kapituliert. Er hatte die SPD in einer schwierigen Zeit übernommen, nach innen einigermaßen stabilisiert, zugleich aber nie aus dem Tal der Tränen führen können. Sollte es im Herbst in Berlin zur Fortsetzung der Großen Koalition oder einer sonst wie gearteten SPD-Regierungsbeteiligung kommen, könnte er noch einen Ministerposten ergattern, vielleicht sogar Außenminister bleiben. Dann wäre er ein Gewinner seines gestrigen Coups. Dabei geht es aber, ausdrücklich, nur um ihn selbst. Im Falle einer Nichtbeteiligung der SPD wäre die Karriere Sigmar Gabriels als Spitzenmann beendet. Zurück bliebe ein emotionaler, manchmal unberechenbarer, gewiefter, von der breiten Öffentlichkeit nie wirklich gemochter Vollblutpolitiker, der in seinem Leben keine einzige wichtige Wahl gewann. Dieser Malus verfolgt ihn schon seit seiner Zeit als niedersächsischer Landespolitiker.

Nun also Martin Schulz. Er ist beliebter als Gabriel, was aber noch nicht als Leistung gelten kann. Allerdings ist er nach Gabriel die einzige Alternative für die Kanzlerkandidatur der Sozialdemokraten. Dass neben Martin Schulz auch Hamburgs Regierender Bürgermeister Olaf Scholz hin und wieder als möglicher Merkel-Herausforderer genannt wurde, sagt viel über das Spitzenpersonal der SPD im Bund aus.

Aus Sicht der Parteistrategen kann es jetzt nur um zwei Dinge gehen: Erstens muss mit Blick auf die NRW-Landtagswahl im Mai schnellstmöglich Ruhe in der SPD einkehren, um an der Basis das Vertrauen in das Wirken von „denen da oben“ nicht gänzlich zu zerstören. Hier kommt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft die entscheidende Rolle zu. Für sie gilt es, die potenziellen SPD-Wähler zum Gang an die Urnen zu motivieren.

Zweitens steht Martin Schulz in der Pflicht, die SPD in seinem Heimatland NRW uneingeschränkt zu unterstützen und sich zugleich bundesweit zu profilieren. Da hat er den größten Nachholbedarf. Deshalb ergibt eine zügige Übernahme des SPD-Parteivorsitzes Sinn. Doch fernab von diesen taktischen Überlegungen hinterlässt der gestrige fliegende Wechsel an der Spitze der Sozialdemokraten einen unangenehmen Beigeschmack. Mit Vertrauen und Verlässlichkeit hat das alles wenig, mit einem geordneten Verfahren hat es gar nichts zu tun. Andreas Tyrock  Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Stimmung in der Bude

Selbst wenn das Erwartete passiert, ist die alte Tante SPD noch in der Lage, für Überraschungen zu sorgen. Martin Schulz galt als heißer Anwärter auf den Job, wer noch am besten abschneidet im erfolglosen Ringen um die Kanzleraufgabe gegen Angela Merkel. Am Wochenende sollte der Parteivorstand das entscheiden. Monatelang hielt SPD-Chef Sigmar Gabriel dicht – und ein paar Tage vor dem Zeitplan platzt es aus ihm heraus. Und den Posten als Parteichef will er auch gleich loswerden. Da ist offenbar jemand schwer beleidigt, weil er sich unter den Kulissenschiebern nicht durchsetzen konnte.

Die Lösung mit Martin Schulz hat Charme. Seine Umfragewerte sind passabel. Und obgleich er schon lange Politiker ist, wirkt er in der Bundespolitik unverbraucht. Ob das weitere Kalkül aufgeht? Schulz soll aus der Bundesregierung herausgehalten werden. Dann kann er Merkel besser angreifen. Mehr Punkte auf der Beliebtheitsskala gäbe es aber als Außenminister. Das macht nun Gabriel selbst. Aber weshalb?

Schulz gilt als wortgewaltiger Politiker, der Leidenschaft verkörpern kann. Die SPD setzt also auf einen Menschen, der bewusst anders daher kommt als der phlegmatisch wirkende Gabriel. Der erweckte immer wieder mal den Eindruck, allzu schnell eingeschnappt zu sein.

Mit Schulz hat die SPD einen Kanzlerkandidaten, der für Leben und Stimmung in der Bude sorgen soll. Die CDU wird beteuern, dass ihr das einerlei ist. Es hätte für das Merkel-Lager besser kommen können. Ostthüringer Zeitung

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  1. Anonymous Mittwoch, 25. Januar 2017, 16:47 at 16:47 - Reply

    Was für eine Schmierenkomödie!

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