Auf dem Höhepunkt der Macht

Merkel will es noch einmal wissen

Es wäre ein Bravourstück, wenn Merkel aufhören würde, obwohl ihre Partei und die Wähler nicht genug von ihr haben und obwohl die Gewinnaussichten 2017 günstig sind.

Veröffentlicht am Sonntag, 02.08.2015, 19:59 von Magnus Hoffestett

Merkel will noch einmal als Kanzlerkandidatin antreten. Heißt es. Wie immer bei ihr ist klar, dass nichts klar ist. Motto: Nur nicht zu früh festlegen. Also: Sollte das Ganze ein Testballon sein, um die Reaktion der Medienöffentlichkeit zu testen, hier eine klare Absage an diese Idee, noch einmal anzutreten. Eine vierte Amtszeit: Angela Merkel wäre am Ende 16 Jahre im Amt – so lange wie Helmut Kohl, dessen politisches Schicksal eigentlich Mahnung genug sein sollte. Warum nicht auf dem Höhepunkt der Macht, den sie zweifellos als weltweit anerkannte Krisenmanagerin bereits erreicht hat, aufhören? Kann sie nicht oder will sie nicht? Wahrscheinlich beides. Sie hat das System ihres Ziehvaters Kohl – vom Aussitzen von Problemen bis hin zur Ausschaltung von Konkurrenten – so virtuos weiterentwickelt, dass es nun auch für sie zur Falle werden könnte. Mitteldeutsche Zeitung

Gehen wir mal davon aus, dass 2017 Angela Merkel für die Union und Sigmar Gabriel für die SPD antreten werden. Erstens wäre das der Normalfall. Sie führen schließlich die Regierung und die größten Parteien an. Zweitens wäre alles andere als eine erneute Kandidatur Merkels für die Union eine Überraschung, und zwar eine böse. Dass Merkel den nächsten Wahlkampf intern längst erörtert hat, wie der „Spiegel“ meldet, ist ein Indiz. Freilich nicht mehr. Sie ist die CDU-Chefin und als Kanzlerin bis 2017 gewählt. Sie müsste sich auch oder gerade dann einmischen, wenn sie selbst nicht mehr kandidieren sollte. „Nach mir die Sintflut“ – das ist keine Haltung.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn sie aufhört, wird Merkel dafür Sorge tragen, dass die Stabübergabe nicht schiefgeht. Merkel wäre die erste Politikerin, die frei von Geltungssucht ist. Es würde ihr natürlich gefallen, erneut zu gewinnen, eine vierte Amtszeit anzugehen und mit Helmut Kohl gleichzuziehen. Aber gleichzeitig ist es auch nicht reizlos, auf dem Höhepunkt der Macht zu gehen. Weil es souverän ist, weil es die schwerste Übung wäre; und weil es vor ihr noch kein anderer Kanzler geschafft hat. Adenauer und Erhard wurden mehr oder weniger aus dem Amt gedrängt, Kiesinger, Kohl und Schröder abgewählt. Brandt trat wegen der Guillaume-Affäre zurück, Schmidt fühlte sich von der FDP (und von seiner Partei) im Stich gelassen.

Es wäre ein Bravourstück, wenn Merkel aufhören würde, obwohl ihre Partei und die Wähler nicht genug von ihr haben und obwohl die Gewinnaussichten 2017 günstig sind. Die Union wird Merkel gut zureden, sie habe den Zenit noch lange nicht überschritten. Das Beste komme noch, weit nach 2017. Manche träumen schon von einer absoluten Mehrheit. Wenn es stimmt, dass die CDU ein Kanzlerwahlverein ist – im Vergleich zur SPD trifft das allemal zu -, dann ist die Geschäftsgrundlage klar: Der Verein schuldet ihr die unbedingte Gefolgschaft und Merkel ihm den Machterhalt. Das spricht gegen einen selbstsüchtigen Abgang. Von Miguel Sanches Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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