Die Fallhöhe steigt enorm: Martin Schulz – der Menschen-Fischer

Martin Schulz ist SPD-Chef

Noch schafft es die SPD, mit frischen Emotionen alte Fehler zu verschleiern. Nach einem kuscheligen Sozialstaat zu rufen, der sich wie von allein finanziert. Darauf zu verzichten, zukunftsfeste Weiterentwicklungen in einer Welt anzustoßen, die gefährlich unkalkulierbar ins Schlingern geraten ist. Mehr soziale Gerechtigkeit zu propagieren, ohne ein Wort über die künftige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu verlieren. Und allen Fragen auszuweichen, ob dieser Kandidat bereitsteht, der Linkspartei die Tür zum Berliner Kabinettstisch zu öffnen. Stuttgarter Nachrichten

Veröffentlicht am Montag, 20.03.2017, 8:36 von Domenikus Gadermann

Derart geeint ist die SPD seit Jahrzehnten nicht mehr in einen Bundestagswahlkampf gezogen. Martin Schulz gelang es, mit seiner rhetorisch brillanten und inhaltlich vagen Rede die Seele der Partei zu berühren. Das funktioniert bei den Sozialdemokraten stets dann, wenn sie sich links der Mitte wähnen. Dafür warf Menschen-Fischer Schulz ein Netz aus klangvollen Schlagwörtern aus: Gerechtigkeit, Respekt und Würde. Die Anwesenheit der Gewerkschaftsbosse, die bei der SPD wieder in der ersten Reihe sitzen, zeigte, dass sich die SPD auf ihre Wurzeln besinnt. Geschickt listete „Mister 100 Prozent“ so viele gesellschaftliche Gruppen auf, dass jeder hoffen darf, aus der SPD-Wundertüte etwas abzubekommen. Bislang funktioniert Schulz‘ Strategie, auf Emotionen und die großen politischen Linien zu setzen, statt konkrete Vorschläge zu unterbreiten. In diese Niederungen wird er sich begeben müssen – für die politischen Gegner aktuell die einzige Stelle für einen Angriff. Für die Union ist Schulz ein beinharter Gegner. Mit ihm hat die SPD seit 1998 erstmals wieder einen Kanzlerkandidaten, der tatsächlich den Machtwillen ausstrahlt, das Kanzleramt zu erobern. Dagegen waren Steinbrück und Steinmeier Leichtgewichte. Eva Quadbeck – Rheinische Post

Die Fallhöhe steigt enorm

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Der Schulz-Hype hält an. In der SPD, wie das 100-Prozent-Wahlergebnis auf dem Parteitag am Sonntag in Berlin gezeigt hat. Und ausweislich der Umfragen auch außerhalb. Die Verehrung grenzt schon ans Irrationale, doch gibt es dafür eine rationale Erklärung: Es ist die Auflösung eines Vertrauensstaus. Die SPD hatte sich mit den Reformen ihres letzten Kanzlers Gerhard Schröder weit von jenem Wohlfühl-Sozialismus entfernt, den ihre Wählerschaft seit Willy Brandt an ihr geschätzt und den ihre Basis verinnerlicht hatte. Soziale Sicherheit rundum, bis hin zu dem, was Altkanzler Helmut Kohl einst soziale Hängematte nannte. Eben zu viel fördern und zu wenig fordern. Schröder hat das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen wieder in ein wirtschaftlich verträgliches Gleichgewicht gebracht. Für Wähler und Basis freilich hat er die alten Ideale verraten.

Die SPD hat sich seit Schröders Abgang von dieser Politik distanziert, anfangs verdruckst, in der jüngsten Zeit immer offener. Zuletzt war die Bereitschaft vieler Anhänger, die SPD doch noch einmal zu mögen, deutlich gestiegen, auch wegen des Mindestlohns. Allein, es fehlte der Glaube, auch weil noch immer die gleichen Leute da vorne saßen. Steinmeier und Steinbrück waren Kanzlerkandidaten aus dem Agenda-Lager, Gabriel steht für die Große Koalition. Diesen Vertrauensstau löst nun Martin Schulz auf. Dass sich nach dem Brexit gerade eine proeuropäische Bewegung meldet, hilft ihm ebenso wie das Erwachen der Bürger gegen die populistische Gefahr. Vor allem aber gibt ihm seine persönliche Kleine-Leute-Geschichte, die er bewusst immer wieder ausbreitet, Glaubwürdigkeit. Und sein Image, nichts mit dem Berliner Betrieb und schon gar nicht mit der SPD-Politik von früher zu tun zu haben. Obwohl das natürlich objektiv nicht stimmt. Seit seinen Korrekturvorschlägen beim Arbeitslosengeld I fühlt es sich für die SPD so an, als habe auch sie im Luther-Jahr einen großen Reformer. Dabei ist der Vorschlag bei Lichte besehen, nur ein Trostpflästerchen für Agenda-Kritiker.

Doch die SPD ist schulzbesoffen. Mit seiner Rede am Sonntag und seiner einstimmigen Wahl als Parteichef und Kanzlerkandidat hat Schulz den Hype noch weiter angeheizt. Freilich steigt nun die Fallhöhe enorm. Was, wenn auch Schulz nur eine Große Koalition erreicht? Schon verlangt die Parteilinke von ihm, diese auszuschließen. Was ist, wenn er mit FDP und Grünen regieren muss, was das zweitwahrscheinlichste ist? Viel Reformspielraum hätte er in beiden Fällen selbst als Kanzler nicht. Der Schulz-Hype ist im Moment nicht viel mehr als eine Projektion. Werden die übergroßen Erwartungen nicht erfüllt, kann es schnell wieder zappenduster werden bei den Sozialdemokraten. Lausitzer Rundschau

100 % der SPD für Schulz, der gegen Türkei wettert

12 Meinungen bis jetzt. Fühlen Sie sich frei der Diskussion beizutreten.

  1. Anonymous Dienstag, 21. März 2017, 18:51 um 18:51 - Reply

    Kanzler Schröder versprach 1998. „Wir schaffen Arbeitsplätze“.Der Satz auf dem Wahlplakat hatte aber keinen Punkt.
    Er schuf sechs Millionen registrierte Arbeitslose und ca. 5 Millionen verdeckt Arbeitslosen, Migranten noch nicht eingerechnet. Für die Parteifreunde schuf er jede Menge B 12 – Stellen.
    So ist auch Schulz. Für die eigene Tasche zuerst und für die Parteifreunde auch etwas. Für das doofe Volk nichts- Die sollen dier leeren Versprechen nur bezahlen.
    Agenda 2010 schon vergessen?
    Wer sich entschrödern will, der darf sich nicht verschulzen lassen. Die blöden Deutschen begreifen es einfach nicht.
    Sie werden jaulen, wenn die Schulz – Agenda folgt.

  2. Anonymous Montag, 20. März 2017, 15:12 um 15:12 - Reply

    Im Saarland sind bald wieder Wahlen.
    Annegret Kramp-Karrenbauer und Anke Rehlinger stimmen ihre Garderobe aufeinander ab, bevor sie gemeinsam auftreten. Hinterher gehen sie zusammen essen und feiern, wie gut waren. Die beiden Freundinnen.

  3. Anonymous Montag, 20. März 2017, 15:02 um 15:02 - Reply

    CDU schickt SPD im gemeinsamen Kampf gegen die AfD.
    Weil das sind ja Rechtsextremisten oder Rechtspopulisten und Nazis.

  4. Anonymous Montag, 20. März 2017, 14:41 um 14:41 - Reply

    Oh, mit Handzeichen. Siegreich und glücklich.
    Geld kann wohl doch glücklich machen. Den Armen wird ja gerne gesagt, dass Geld auch nicht glücklich macht – von den Reichen.
    So ein gelegentliches Mittagessen, für das tausende von € abgerechnet werden macht anscheinend satt und glücklich.

    • Anonymous Montag, 20. März 2017, 14:45 um 14:45 - Reply

      Die brauchen eben ständig viel, und dann noch mehr, damit sie für die denen sie es genommen haben weiter die Armut bekämpfen und für immer mehr Gerechtigkeit KÄMPFEN können.

  5. Anonymous Montag, 20. März 2017, 14:22 um 14:22 - Reply

    Schulzbesoffen?
    So lang anhaltend euphorisch macht Alkohol aber nicht.
    It provokes and unprovokes.

  6. Anonymous Montag, 20. März 2017, 13:58 um 13:58 - Reply

    Wähler erwache und wähle weder SP(est)D noch C(holera)DU.

  7. Anonymous Montag, 20. März 2017, 13:55 um 13:55 - Reply

    Was, wenn er NUR eine große Koalition erreicht?
    Genau das soll er doch! Dafür wurde er doch ausgesucht!
    Man setzt auf Effekte und CDU und SPD tun so als würden sie konkurrieren. – Tun sie auch, aber gemeinsam gegen alle anderen.

  8. Anonymous Montag, 20. März 2017, 13:50 um 13:50 - Reply

    Kommt rüber wie ein Büttenredner bei der Kappensitzung. Und die hübschen Damen, die sich mit strahlendem Lächeln um ihn scharen, mit ihren schicken Frisuren, wie Funkenmariechen.

  9. Anonymous Montag, 20. März 2017, 13:22 um 13:22 - Reply

    Wie, das erwachen der Bürger gegen die populistische Gefahr?
    –Falscher Satz: Man erwacht nicht gegen, sondern aus…–
    Gefahr des Abwanderns der der sogenannten Stammwähler auf die man einen Besitzanspruch zu haben meint.
    —Das sind unsere Stammwähler! Es ist nicht hinzunehmen das die Rechtspopulisten wie Rattenfänger auf Wählerfang in unserem Pool gehen! —-

    • Anonymous Montag, 20. März 2017, 13:38 um 13:38 - Reply

      Das hieße ja, man würde die Wähler als Ratten bezeichnen. Denn was fangen denn Rattenfänger anderes als Ratten.

      • Anonymous Dienstag, 21. März 2017, 18:58 um 18:58 - Reply

        Ja, sie sind Ratten. Wie die Lemminge sind sie SPD – Schröder gefolgt, der eine Rekord-Arbeitslosigkeit produzierte. Über die Agenda 2010 jammern sie noch heute. Genau das haben sie doch gewählt!
        Und nun rennen sie Schulz hinterher. Hinterher werden sie vermutlich wieder jammern.
        Sie lernen es einfach nicht. Ratten sind klüger.

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