US-Notenbank hat Leitzins um 0,25 Prozentpunkte angepasst

Zwischen grün und orange

Wenn Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank, die Verfassung der größten Volkswirtschaft mit einem Farbton beschreiben müsste, würde sie derzeit einen satten Grünton wählen. „Die Wirtschaft scheint sich nach der Abkühlung im ersten Quartal erholt zu haben“, begründete Yellen die Entscheidung der Federal Reserve für die dritte Zinserhöhung in sechs Monaten.

Veröffentlicht am Freitag, 16.06.2017, 10:35 von Tabea Schrader

Geht es nach den US-Währungshütern, soll ein weiterer Schritt nach oben noch in diesem Jahr erfolgen und der eingeschlagene Kurs auch 2018 fortgesetzt werden. „Weitere graduelle Zinserhöhungen sind in den nächsten Jahren angemessen“, legte sich Yellen fest.

Doch damit nicht genug. Parallel zu der im Dezember 2015 eingeschlagenen und zuletzt verstetigten Politik gradueller Zinserhöhungen hat die Fed jetzt einen lange erwarteten Plan für den Abbau ihrer in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise aufgeblähten Bilanzsumme vorgelegt. Noch in diesem Jahr will Yellen mit dem Abbau von Staatsanleihen und verbrieften Hypotheken beginnen, die die Notenbank im Rahmen des Quantitative Easing im großen Stil erworben hat.

Noch ist nicht klar, wann genau der Abverkauf starten soll. Der Abbau der Bilanzsumme in Höhe von derzeit rund 4,2 Bill. Dollar werde jedenfalls so geräuschlos vonstattengehen, „wie wenn man der Farbe beim Trocknen zusieht“, hofft Yellen. Monatlich sollen zunächst 10 Mrd. Dollar weniger in neue Anleihen reinvestiert werden. Geduld muss die Notenbank auch mit Blick auf die Inflation beweisen, die sich zuletzt wieder von der angepeilten Teuerungsrate entfernt hat. Derweil mehren sich die Stimmen, die auf dunkle Punkte im konjunkturellen Gesamtbild hinweisen.

Sicher, die Arbeitslosenquote liegt mit knapp 4 Prozent auf Vollbeschäftigungsniveau, worauf Yellen auch weiterhin ihre Hoffnung stützt, dass die Inflation bald die Zielmarke von 2 Prozent erreicht. Die Beschäftigungsquote, die in der Krise von 63 auf 58 Prozent eingebrochen ist, hat indessen nur die halbe Strecke zurück geschafft. Dass die neue Regierung die versprochenen Impulse setzen kann, während Donald Trump wohl mit einer Untersuchung des vom Justizministerium eingesetzten Sonderermittlers Robert Mueller konfrontiert ist, wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Die politische Lage des US-Präsidenten entspricht farblich längst seinem Teint. Zumindest der Bondmarkt signalisiert für das konjunkturelle Umfeld eine ähnliche Einfärbung. Auf dem Aktienmarkt stehen derweil scheinbar ungetrübt alle Zeichen auf Grün. Stefan Paravicini – Börsen-Zeitung

Zinsschritt der US-Notenbank

Wie erwartet hat die US-Notenbank Federal Reserve den Leitzins erhöht. Das Niveau stieg um 0,25 Prozentpunkte auf eine Zielspanne von einem bis 1,25 Prozent. Die Notenbankpräsidentin Janet Yellen setzt damit ihren Kurs einer sachten Abkehr von einer ultralockeren Geldpolitik fort. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hatte bei ihrer Sitzung am 8. Juni erstmals seit Jahren rhetorisch die Option für einen Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik geäußert. Dennoch dürfte sich das Zinsniveau für Immobilienkredite kurzfristig kaum ändern. Erst langfristig werden Konditionsanstiege wahrscheinlicher. Zu dieser Einschätzung kommt Interhyp, Deutschlands größter Vermittler privater Baufinanzierungen. „Mit dem Zinsschritt der Fed haben viele Marktteilnehmer gerechnet. Und auch von der EZB waren diese ersten zaghaften Zeichen erwartet worden. Dennoch hält sich die EZB weiterhin alle Möglichkeiten offen, die Konjunktur in der Eurozone insgesamt geldpolitisch zu stabilisieren“, kommentiert Jörg Utecht, CEO der Interhyp Gruppe und ergänzt: „Denn in Summe erscheint die wirtschaftliche Entwicklung in Europa noch nicht robust genug, auch wenn die deutsche Wirtschaft sehr stark dasteht und vermehrt positive Signale aus anderen EU-Ländern kommen.“ Christian Kraus Interhyp AG

Genügend Warnungen

An Warnungen vor zu hohen Bewertungen am Aktienmarkt hat es selten gefehlt. Angesichts der Rekordjagd am US-Aktienmarkt nehmen sie sogar wieder zu. In dem am Mittwoch veröffentlichten Sitzungsprotokoll der US-Notenbank Fed steht, der Bewertungsdruck in einigen Märkten sei „bemerkenswert“. Das daraus womöglich entstehende Schadenspotenzial scheine seit Januar gestiegen zu sein, wenn auch noch nicht stark genug, um anzunehmen, dass es „hoch“ sei. Die Investoren zeigen sich unbeeindruckt: Am Donnerstag schlossen sowohl der S&P 500 als auch der Technologieindex Nasdaq auf einem Rekordhoch.

Nun ist es so, dass die Notenbanken mit ihren Maßnahmen nicht explizit Assetpreise steuern wollen. Auch ist die akademische Debatte, ob die Herausbildung von Preisblasen vor ihrem Platzen überhaupt erkennbar ist, und wenn ja, wie, nicht abgeschlossen.

Strapazierte Bewertungen

Die Tatsache, dass die Fed vor hohen Bewertungen warnt, ist zudem nicht neu. Im Juni 2016 sagte die Notenbank, die Kurs-Gewinn-Verhältnisse auf Sicht der kommenden zwölf Monate seien auf ein Niveau deutlich über dem Mittelwert (Median) der vergangenen drei Dekaden gestiegen. 2014 hatte die US-Notenbank deutlich strapazierte Bewertungen in Internet- und Biotech-Aktien festgestellt. Schon vor der Finanzkrise vor zehn Jahren meinten laut Fed-Sitzungsprotokoll im Januar 2004 einige Fed-Mitglieder, die Erwartung einer anhaltend lockeren Geldpolitik habe zu Bewertungen geführt, die wenig Raum für Abwärtsrisiken ließen.

Als Schlüsselmoment für Warner gilt der 5. Dezember 1996. Der damalige Fed-Chef Alan Greenspan stellte in einer Rede die Frage, wie sich feststellen ließe, ob irrationaler Überschwang die Preise für Vermögenswerte übermäßig hochgetrieben habe. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Aktienkurse an Wall Street gemessen am Dow Jones Industrial seit dem Börsen-Crash im Oktober 1987 fast vervierfacht. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis betrug 24, weit über dem damaligen historischen Mittel von 16. An der Fed-Sitzung vom 17. Dezember 1996 wurde dann explizit festgehalten, der Anstieg der vergangenen Jahre habe die Marktbewertungen „auf ziemlich hohe Niveaus bezogen auf Bewertung und Dividenden“ getrieben.

Auch wenn Greenspans „irrationaler Überschwang“ zum geflügelten Wort wurde, ging die Sause an Wall Street und anderen Aktienmärkten bis Januar 2000 weiter – bis die Blase platzte. Die Fed ist dabei nicht die einzige Warnerin. Im Juni 2014 warnte auch die Bank der Notenbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, vor der Gefahr von Blasen und Übertreibungen im Finanzsystem. Wegen der sehr niedrigen Zinsen und Renditen würden institutionelle Investoren immer höhere Risiken eingehen. Eine Position im Übrigen, die zu einer BIZ-internen Debatte geführt hat, ob die Geldpolitik auch Bewertungen an den Finanzmärkten berücksichtigen soll oder nicht. Welche Handlungsanleitungen lassen sich für Investoren daraus heute ziehen?

Wer die Fed-Protokolle nach warnenden Stichworten zum Punkt „Bewertung“ durchgeht, findet laut dem US-Sender CNBC sechs Stellen. Nur in zwei der sechs Fälle lagen ein Jahr später die Kurse höher – das mahnt zur Vorsicht. Doch auf welchen Bewertungsniveaus bewegt sich der Markt heute? Die DZ Bank schätzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den S&P 500 auf Basis der Prognosen für 2017 auf über 18 und auf fast 14 für den Dax. Laut Bloomberg beträgt das KGV für den US-Index derzeit über 21, auf Basis der Schätzungen für 2018 knapp 17. Die Diskrepanz ist im Dax ähnlich hoch: Das KGV beträgt hier laut Bloomberg derzeit fast 20, auf Basis der Schätzungen für 2018 aber nur 13. Entscheidend ist also, dass die Gewinnerwartungen eingehalten werden. Die Berichte für das erste Quartal haben diesbezüglich Zuversicht geweckt.

Erwartungsmanagement

Die Warnungen der Notenbank und der BIZ sollten Investoren dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Hier wird Erwartungsmanagement betrieben. Angesichts einer anstehenden Straffung der Geldpolitik steigt die Gefahr von Turbulenzen am Markt. Darauf sollte jeder vorbereitet sein. Hält der Gewinnauftrieb wie erwartet an, sind die Bewertungen vertretbar. Dass der Spielraum für weitere Kursgewinne aber bald ausgereizt sein dürfte, zeigt der von US-Investorenlegende Warren Buffett verwendete Indikator, der die Marktkapitalisierung des Wilshire 5000 Index – er umfasst alle aktiv gehandelten US-Aktien – im Verhältnis zum US-Bruttosozialprodukt zeigt. Marktbewertungen unterliegen am Ende eben doch realwirtschaftlichen Grenzen. Dietegen Müller – Börsen-Zeitung

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