Marktanalyse: Verlangsamter Ausstieg der EZB

Auslaufen des Anleihekaufprogramms

An den Kapitalmärkten sticht eine Entwicklung derzeit besonders hervor: die Stärke des Euro. Notierte die Gemeinschaftswährung zu Beginn dieses Jahres noch um die 1,05 Dollar, wurde in der gerade abgelaufenen Handelswoche die Marke von 1,20 Dollar übersprungen. Mit 1,2069 Dollar wurde der höchste Stand seit Anfang 2015 erreicht. Die Aufwertung des Euro gegenüber dem Greenback erfolgte aber nicht kontinuierlich während des gesamten Jahresverlaufs 2017. Vielmehr bewegte sich der Euro bis etwa Ende April seitwärts bei 1,04 bis 1,07 Dollar. Dann setzte er zu seiner Aufwärtsbewegung an, die im Sommer an Fahrt gewann.

Veröffentlicht am Sonntag, 03.09.2017, 18:52 von Magnus Hoffestett

Gemessen an den Freitagskursen hat der Euro (1,1929) in diesem Jahr eine Aufwertung von knapp 14 Prozent hingelegt. Das ist schon recht ordentlich. Kein Wunder also, dass der Euro derzeit eines der Hauptgesprächsthemen an den Märkten ist – neben geopolitischen Risiken, aktuell etwa die Spannungen zwischen den USA und Nordkorea.

Analysten haben ihre ursprünglichen Prognosen bezüglich des Euro-Dollar-Paars auch über den Haufen geworfen. So mancher hatte da ja noch die Parität im Sinn. Mehr und mehr sehen die Experten denn auch einen Einfluss der Euro-Stärke auf die Konjunktur. Ein stärkerer Euro gilt etwa für Rainer Guntermann, Zinsexperte aus dem Hause der Commerzbank, als Belastungsfaktor für Wachstum und Inflationsentwicklung, auch wenn das nicht sofort der Fall sei.

Und die Euro-Stärke verkompliziere den Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus ihrer unkonventionellen Geldpolitik – auch Quantitative Easing (QE) genannt. Für Guntermann bedeutet dies einen vorsichtigen QE-Ausstieg. Das sei wiederum ein positiver Effekt für die Anleihemärkte. Mit anderen Worten: Die EZB wird wohl – sehr – viel langsamer die Anleihekäufe zurückfahren, die Unterstützung der unkonventionellen Geldpolitik ist für die Bondmärkte im Umkehrschluss länger vorhanden. Das trieb in den vergangenen Tagen die Renditen am Euro-Staatsanleihemarkt wieder nach unten. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sah im August ihren stärksten monatlichen Rückgang seit einem halben Jahr.

Und die Euro-Stärke würde – so die Gerüchteküche an den Märkten – Verantwortlichen bei der EZB zunehmend Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Es könnte durchaus sein, dass EZB-Chef Mario Draghi auf der Pressekonferenz im Anschluss an die nächste Zinssitzung der EZB, die am Donnerstag der neuen Handelswoche stattfindet, die Euro-Stärke thematisiert, meinen Analysten.

Draghi könnte auf der Pressekonferenz verbal gegen eine anhaltende Aufwertung des Euro intervenieren, so die Commerzbank-Experten. Vorbild könnte die Reaktion der EZB im Frühjahr 2014 sein, als der Euro auf fast 1,40 Dollar gestiegen war. Damals hob die Notenbank den Euro-Anstieg in ihrer Risikoeinschätzung in den einleitenden Bemerkungen explizit hervor. Der EZB-Rat werde die möglichen Auswirkungen der Wechselkursentwicklung auf die Aussichten für die Preisentwicklung „genau beobachten“. Zusätzlich betonte der EZB-Präsident während der Pressekonferenz, dass der Wechselkurs für die Preisniveaustabilität „sehr wichtig“ sei, schreiben die Experten in ihrem wöchentlichen Ausblick hinsichtlich der anstehenden EZB-Sitzung.

So wie ein schwacher Euro gut für die Preisentwicklung ist, – auch wenn die EZB nicht offiziell kundtat, dass sie einen schwachen Euro anstrebt, – so ist ein starker Euro nun umgekehrt eher schädlich. Das bedeutet: Die geldpolitische Unterstützung könnte länger als gedacht erforderlich sein, sollte sich die Aufwertung der Gemeinschaftswährung in den kommenden Wochen fortsetzen.

Trotzdem gehen die meisten Experten davon aus, dass die EZB auf der nun anstehenden Sitzung erste Signale hinsichtlich des Ausstiegs geben könnte und sich dabei aber alle Optionen offenhält – wie immer. Die Rückführung der Anleihekäufe könnte bei der Oktobersitzung beschlossen werden. Ab 2018 könnte sie dann Realität werden. Über das Ausmaß der Reduktion der monatlichen Bondkäufe gehen die Meinungen der Experten aber auseinander.

Um den EZB-Ausstieg aus den Anleihekäufen für die Märkte erträglicher zu machen, könnte es durchaus sein, dass die EZB die Reinvestition ausgelaufener Bonds beschließt. Und das könnte noch eine gute Unterstützung für die Märkte bedeuten. Laut Berechnungen der Analysten von ABN Amro könnte sich das Volumen derartiger Transaktionen in den nächsten drei Jahren auf 640 Mrd. Euro belaufen. Das bremst einen Renditeauftrieb ab, der ja nicht gerade von der EZB angestrebt wird. Kai Johannsen – Börsen-Zeitung

Auslaufen des Anleihekaufprogramms gefordert

Die Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) passt nicht mehr zur inzwischen guten Wirtschaftslage im Euroraum. Daher sollte der EZB-Rat auf seiner kommenden Sitzung am 7. September 2017 die geldpolitische Kehrtwende einleiten und ein zügiges Ende des Anleihekaufprogramms beschließen. Bereits im kommenden Jahr sollte auch die Negativzinspolitik beendet werden. Dies fordert der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) in seinem aktuellen Konjunkturbericht. BVR-Vorstand Dr. Andreas Martin: „Ein rasches Auslaufen des Anleihekaufprogramms und ein Ende der Negativzinsen 2018 wäre nicht nur geldpolitisch richtig, sondern auch ein willkommenes psychologisches Signal, dass wir die Krisenjahre hinter uns lassen.“ Ein solcher Beschluss könnte sich auch positiv auf die Investitionsbereitschaft im Euroraum auswirken. Trotz des sich festigenden Aufschwungs ist bei den Investitionen noch Luft nach oben.
Die EZB würde mit einer Terminierung der Anleihekäufe zudem signalisieren, dass die rechtlich umstrittenen Käufe von Staatsanleihen für sie nur ein Ausnahmeinstrument im Fall beträchtlicher Deflationsrisiken darstellen. Martin: „Mit einem raschen Abschied von den Staatsanleihekäufen würde die EZB zeigen, dass sie die Sorgen vor einer Mandatsüberschreitung ernst nimmt.“ Das Bundesverfassungsgericht hatte Mitte August dieses Jahres die Frage der Rechtmäßigkeit des Anleihekaufprogramms dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt. Nach den europäischen Verträgen ist der Geldpolitik die monetäre Staatsfinanzierung untersagt. Ob und in welchem Umfang Staatsanleihekäufe der Notenbank aus geldpolitischen Gründen rechtmäßig sind, ist umstritten.
Aus geldpolitischer Sicht ist die stabile und allmählich steigende Inflation der wichtigste Grund für einen Kurswechsel der EZB. Die Inflation liegt aktuell bei 1,3 Prozent und damit zwar noch unterhalb der von der Geldpolitik angestrebten Rate von unter, aber nahe zwei Prozent. Doch zeichnet sich angesichts der guten Konjunktur eine allmählich steigende Teuerung ab, was auch die Prognosen der EZB bestätigen. Die aktuelle Aufwertung des Euro sollte kein Hindernis für den Ausstieg sein. Zum einen ist der derzeitige Wechselkurs von 1,19 Dollar pro Euro im historischen Vergleich nicht sonderlich hoch, zum anderen ist die Aufwertung ein normaler Reflex auf die verbesserte konjunkturelle Lage und die sich erhöhende Wahrscheinlichkeit einer weniger expansiven Geldpolitik. (BVR) Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V.

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