ifo-Präsident Fuest: EZB sollte jetzt den Fuß vom Gaspedal nehmen

Mini-Trippelschrittchen

Die Europäische Zentralbank (EZB) schätzt die Lage der Euro-Wirtschaft zwar optimistischer ein als noch vor wenigen Wochen – zugleich aber dominieren aus ihrer Sicht weiter die Abwärtsrisiken. Der ifo-Präsident Clemens Fuest erwartet für 2017 eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent in Deutschland und im Euroraum.

Veröffentlicht am Freitag, 10.03.2017, 9:47 von Domenikus Gadermann

„Das spricht dafür, dass die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik in Europa beginnt. Sie sollte nun den Fuß vom Gaspedal nehmen und ihre Anleihekäufe ab April um monatlich 10 Milliarden Euro verringern“, verlangte Fuest. Die EZB kauft für 60 Milliarden Euro Anleihen im Monat, um die Inflation in Richtung zwei Prozent anzukurbeln. „Die EZB sollte ihre Geldflut eindämmen, sonst besteht die Gefahr, dass sie über ihr Ziel hinausschießt“, ergänzte Fuest.

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Zur Begründung sagte er: „Die Unternehmensbefragungen des ifo Instituts zeigen, dass immer mehr Firmen die Absicht haben, in den kommenden Monaten ihre Preise anzuheben. Die Ergebnisse deuten auf eine deutsche Kerninflationsrate (ohne Energie) von rund anderthalb Prozent im laufenden Jahr. Hinzu kommt noch der Effekt der Energiepreise. Die Inflation kommt nach Deutschland und Europa zurück, denn auch in der Eurozone insgesamt steigen die Preiserwartungen der Unternehmen.“ ifo und CESifo online

Mini-Trippelschrittchen

Die Europäische Zentralbank (EZB) schätzt die Lage der Euro-Wirtschaft zwar optimistischer ein als noch vor wenigen Wochen – zugleich aber dominieren aus ihrer Sicht weiter die Abwärtsrisiken. Zudem hat EZB-Chef Mario Draghi zwar signalisiert, dass der EZB-Rat aktuell kaum Bedarf an weiteren geldpolitischen Lockerungsübungen sieht – zugleich aber hält dieser an der expliziten, einseitigen Bereitschaft fest, mehr zu tun.

Positiv gewendet könnte man sagen, die EZB macht sich in Mini-Trippelschrittchen auf in Richtung einer neutralen Risiko- und Politikeinschätzung, die überhaupt erst die Voraussetzung dafür ist, den Exit aus der lockeren Geldpolitik anzugehen. Nüchtern betrachtet aber scheint es, dass der Einstieg in den Ausstieg und selbst eine ernsthafte Debatte darüber weiter auf die lange Bank geschoben wird. Und das ist negativ: Denn mindestens die Diskussion ist längst überfällig.

Natürlich stimmt es, dass die Inflation von zuletzt 2,0% schon im Sommer wieder nachgeben wird. Aber die EZB selbst sieht sie in den nächsten drei Jahren stabil bei 1,6% bis 1,7%. Das rechtfertigt, zumal bei einer über Potenzial wachsenden Wirtschaft, keine Geldpolitik, die noch lockerer ist als auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise. Im Übrigen: Selbst wenn die EZB schneller als bislang absehbar die Normalisierung startete, bliebe die Geldpolitik noch auf Jahre extrem expansiv.

Natürlich mag es auch sein, dass die Euro-Hüter einen Wechsel ihres erst im Dezember eingeschlagenen Kurses fürchten, weil das wie ein Eingeständnis eines Fehlers wirken könnte. Aber Augen zu und durch ist jetzt ganz sicher auch nicht die richtige Strategie. Und natürlich ist die Vorsicht vor den Wahlen in den Niederlanden und speziell Frankreich bis zu einem gewissen Grad verständlich. Aber selbst wenn die Populisten nicht triumphieren, ist damit nicht alle Unsicherheit beseitigt. Brexit, Italien, USA – die Liste potenzieller Risiken ist lang. Aber deswegen darf der Exit nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt werden.

Und schließlich: Natürlich ist die Mehrheit der EZB-Granden nach den vergangenen Jahren aktuell wohl geneigt, lieber etwas zu lang mit dem Ausstieg zu warten, als selbigen zu früh einzuläuten. Aber ein zu später Ausstieg kann mindestens genauso gefährlich sein wie ein zu früher. Neben der Gefahr für stabile Preise sind Fehlallokationen in der Wirtschaft, Fehlanreize für Staaten sowie mögliche Preisblasen das eine. Das andere aber ist: Je länger sich die EZB Zeit lässt, desto größer wird der Druck am Ende, schneller zu straffen. Das könnte gerade jene Turbulenzen verursachen, die sie derzeit auf Teufel komm raus verhindern will. Mark Schrörs – Börsen-Zeitung

Niedrigzinspolitik stößt bei Sparern in ganz Europa auf Unzufriedenheit

Fast die Hälfte der Deutschen sind aufgrund der niedrigen Zinsen „unzufriedene Sparer“. Im europäischen Vergleich sind nur die Österreicher mit 58 Prozent noch weniger glücklich. Das ist eine der Erkenntnisse aus einer repräsentativen Befragung der ING-DiBa, bei der Konsumenten in 13 europäischen Ländern sowie Australien und den USA zum Thema Sparverhalten in der Niedrigzinsphase befragt wurden. Die Umfrage ergab, dass aber nicht nur die Sparnation Deutschland unter dem anhaltenden Zinstief leidet, denn auch in den übrigen Ländern Europas gibt es mehr Sparer als Kreditnehmer.

Sparer in ganz Europa leiden unter der Niedrigzinspolitik der EZB

In jedem Land der Umfrage übersteigt der Wert der negativen Empfindungen hinsichtlich des aktuellen Zinsniveaus den der positiven. So haben mit 44 Prozent die meisten Deutschen geantwortet, dass sie durch die Niedrigzinsen verärgert sind (europäischer Durchschnitt: 37 Prozent). Knapp dahinter steht die Besorgnis bei den Deutschen an zweiter Stelle: 43 Prozent der Befragten gaben an, aufgrund der Zinspolitik der EZB allgemein besorgt zu sein. Auch die restlichen Europäer empfinden mit 39 Prozent ähnlich. 39 Prozent der Deutschen sind über die niedrigen Zinsen sogar frustriert. Dies entspricht exakt dem europäischen Durchschnitt. „Vor allem aus Deutschland bläst der EZB der Wind ins Gesicht – als selbstverstandene Sparernation wähnt man sich im Fadenkreuz der Währungshüter und drängt aufgrund der anziehenden Inflation auf ein Ende der Niedrigzinspolitik“, so Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. „Aber die bei uns höhere Preissteigerung ist letztlich einer rund laufenden Wirtschaft und hoher Beschäftigung zu verdanken – und darauf möchten wir ja auch nicht verzichten.“

Deutsche sind unzufrieden und sorgen sich um ihre Rente

Genauer nach den Ursachen für ihren Unmut befragt, sagten 48 Prozent der Deutschen, dass sie aktuell wegen der Niedrigzinsen mit dem Sparen unzufrieden sind. 26 Prozent gaben an, sich um ihre Rentensparziele sorgen zu machen; 18 Prozent waren der Auffassung, dass sie ihre Sparziele momentan nicht erreichen können. Andererseits gaben 19 Prozent der befragten Deutschen an, nun mehr Geld auszugeben.

Besorgte Saarländer

Im bundesweiten Vergleich sticht vor allem das kleinste deutsche Flächenland hervor: Während die Befragten in allen anderen Bundesländern den Aussagen „Ich bin über niedrige Zinssätze besorgt“, „Ich bin über niedrige Zinssätze frustriert“ und „Ich ärgere mich über niedrige Zinssätze“ zwischen 30 bis 50 Prozent zustimmten, sind es im Saarland um die 70 Prozent. Möglicherweise liegt die hohe Unzufriedenheit an der dortigen Kleinsparerdichte: Unter den Befragten mit drei verfügbaren Monatsgehältern oder weniger weist das Saarland den höchsten Anteil auf. Auch der Anteil mit Ersparnissen von weniger als einem verfügbaren Monatseinkommen ist hier am höchsten. Wer aber nur über geringe Ersparnisse verfügt und mögliche Verluste nicht tragen kann, für den ist ein Ausweichen auf rentablere, aber riskantere Anlagemöglichkeiten keine gute Alternative – und somit trifft die aktuelle Zinssituation solche Kleinsparer besonders hart.

Hintergrundinformationen

Online-Untersuchung von Ipsos im Oktober 2016, Befragte: Finanzielle Entscheider ab 18 Jahren. International N = 14.606, Deutschland N = 1.005 | Zsofia Köhler, ING-DiBa AG

EZB lässt Leitzins trotz steigender Inflation bei null Prozent – economy

2 Meinungen bis jetzt. Fühlen Sie sich frei der Diskussion beizutreten.

  1. Anonymous Freitag, 17. März 2017, 0:20 um 0:20 - Reply

    Dragi könnte gut eine Statistenrolle in einem Vampirfilm besetzen. Bräuchte fast keine Maske. Würde ihm vielleicht sogar Spass machen. wäre mal eine Abwechslung.

  2. Anonymous Freitag, 10. März 2017, 15:48 um 15:48 - Reply

    Hat man in den Umfragen auch Leute befragt, die gar nichts sparen, weil sie nichts zum sparen haben? Hat man auch Leute befragt, die im ALG 2 Bezug sind und gar nichts zum sparen haben?
    An denen geht es mal wieder komplett vorbei. Die gehen sich an die Tafeln anstellen, wenn es eine Erreichbare in der Nähe gibt, und Bestücken sich mit Kleidung aus der Second-Hand Branche, oder aus dem Kleidersack, der von anderen neben dem Kontainer abgelegt wurde.

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