Fünfte Runde der Brexit-Verhandlungen – Zeit für Ergebnisse

Brexit: Stupid Isolation

Ein halbes Jahr nachdem die britische Premierministerin Theresa May den Brexit-Prozess eingeleitet hatte und nach null Fortschritten bei den bisher vier Verhandlungsrunden liegen die Nerven bei der hiesigen Industrie blank.

Veröffentlicht am Dienstag, 10.10.2017, 10:48 von Magnus Hoffestett

Zwar haben primär die Briten die Nachteile der vom Volk gewünschten „Splendid Isolation“ zu tragen. Doch bei einem wechselseitigen Bestand an Direktinvestitionen von über 140 Mrd. Euro und gut 400000 Menschen, die in deutschen Firmen im Vereinigten Königreich arbeiten, ist auch die hiesige Industrie betroffen – die einen enormen Wertverlust ihrer britischen Aktivitäten bei einem harten Brexit befürchtet.

Natürlich verstaatlicht eine konservative Regierung keine ausländischen Fabriken. Aber schon heute beobachtet der Industrieverband BDI eine wachsende Ablehnung bei Mitarbeitern, in britische Werke zu wechseln. Weil die dortige Währung stark an Wert verloren hat und sich Arbeiten auf der Insel nicht mehr lohnt. Weil der Aufenthaltsstatus unsicher ist und keine Zukunft verspricht. Oder weil die zunehmende Fremdenfeindlichkeit abschreckt. Und da kaum lokaler Ersatz zu finden ist, drohen wachsende Produktionseinschränkungen.

Zudem befürchten nicht wenige Unternehmen, dass in Großbritannien gefertigte Produkte ab dem Wirksamwerden des ungeordneten, harten Brexit den Zugang zu Drittmärkten schlagartig verlieren. Bislang zählt die Fertigung auf der Insel als EU-Produktion und wird als Local Content gewertet, ohne den viele Länder Importe benachteiligen. Noch schlimmer sind die Auswirkungen aber für den allgemeinen gegenseitigen Warenaustausch, der sich allein zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich auf über 170 Mrd. Euro beläuft. Hier gelten die EU-Vorgaben als Standards und Normen, die Voraussetzung sind für länderübergreifende Wertschöpfungsketten.

Selbst der von der Chemieindustrie einst heftigst bekämpfte Chemikalien-Sicherheitsstandard Reach wird inzwischen als verbindlicher und damit zuverlässiger Maßstab für Importe und Produktion – auch über Ländergrenzen hinweg – genutzt. Gilt Reach von einem Tag auf den anderen nicht mehr, ist die britische Fertigung isoliert, freilich nicht splendid, sondern stupid. Bisher geschlossene Wertschöpfungsketten brechen so auseinander, die britischen Werke werden wertlos. Für eine Übergangszeit mögen die alten EU-Standards noch gelten und damit der jeweilige Verbund halten. Doch mit jeder Änderung in Brüssel gerät London immer mehr ins Abseits. Ulli Gericke – Börsen-Zeitung

 

BDI schaut mit Sorge auf den Fortgang der Austrittsverhandlungen

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schaut mit Sorge auf den Fortgang der Brexit-Verhandlungen. „Deutsche Unternehmen müssen Vorsorge für den Ernstfall eines sehr harten Ausscheidens treffen, alles andere wäre naiv“, sagte BDI- Hauptgeschäftsführer Joachim Lang am Donnerstag in Berlin. „Die Wirtschaft bereitet sich auf alle Szenarien vor.“

Der BDI hat eine Taskforce Brexit eingerichtet. Sie arbeitet seit dem Sommer in zehn thematischen Projektgruppen mit fast 200 Mitgliedern aus Verbänden und Unternehmen. Die Taskforce identifiziert potenzielle und akute Gefahren durch den Brexit für die Wirtschaftsbeziehungen und entwickelt Lösungsvorschläge.

„Der Brexit – wie auch immer geartet – wirft eine unüberschaubare Zahl rechtlicher, wirtschaftspolitischer und betriebswirtschaftlicher Fragestellungen auf“, erklärte Lang. Der soeben beendete Parteitag der britischen Konservativen zeige, wie zerstritten die Partei in Sachen Brexit ist. Die inhaltliche Ausrichtung der Brexit-Strategie sei völlig offen. Das mache die weiteren Verhandlungen schwierig. Der BDI-Hauptgeschäftsführer stellte klar, dass die Wirtschaft fest hinter der Verhandlungsstrategie der EU stehe. „Die deutsche Industrie strebt ein sehr enges künftiges Verhältnis zu Großbritannien an. Nur muss klar sein: Wir räumen der Weiterentwicklung der EU den Vorrang ein.“ Die gemeinsame Taskforce steht im engen Kontakt mit der Bundesregierung sowie der Taskforce 50 der EU-Kommission, die von europäischer Seite mit den Verhandlungen betraut ist. BDI Bundesverband der Dt. Industrie

Die Zeit für einen geordneten Brexit wird immer knapper. Der deutsche Maschinenbau appelliert daher an beide Seiten, in der heute beginnenden fünften Verhandlungsrunde endlich Ergebnisse zu den Details des Austritts Großbritanniens aus der EU zu liefern. Aus Sicht des VDMA können Übergangsregelungen ab März 2019 erforderlich werden, um mehr Zeit für die Einigung auf ein Folgeabkommen zu haben.

„Ein harter Brexit ist ein denkbares, aber für die Wirtschaft kein akzeptables Szenario. Weil das insbesondere für das Vereinigte Königreich risikoreich wäre, besteht Hoffnung, dass ein solches Szenario vermieden wird. Wenn die Zeit für die Einigung auf ein Folgeabkommen zu knapp wird, muss man Übergangsregelungen ab März 2019 grundsätzlich in Betracht ziehen“, sagt Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA. „Es ist eindeutig, dass vor allem Großbritannien realistischere Erwartungen an den Brexit und die Zeit danach entwickeln muss. Die EU darf und wird sich in den Verhandlungen nicht verbiegen, weil für die heimischen Unternehmen der Erhalt des Binnenmarktes Priorität hat. Allerdings hat die britische Premierministerin Theresa May mit ihrer Rede in Florenz zuletzt Kompromissbereitschaft gezeigt. Das ist ein positives Zeichen, das die EU-Kommission ernst nehmen sollte.“

Für den deutschen Maschinenbau ist Großbritannien der viertwichtigste Auslandsmarkt weltweit mit einem Exportvolumen von 7,4 Milliarden Euro (2016). Umgekehrt lieferte das Vereinigte Königreich 2016 Maschinenbauprodukte im Wert von 2,4 Milliarden Euro nach Deutschland. Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA)

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