Energieexpertin Kemfert: Ölpreise werden stark schwanken

Opec mit historischem Schulterschluss

Effizientere Ölfördermethoden (z. B. Fracking) halbieren die Förderkosten auf ca. 50 Dollar pro Barrel und erhöhen das weltweite Ölangebot – Technische Weiterentwicklungen werden Kosten weiter senken – unkonventionelle Ölförderung ist trotz niedrigem Ölpreis profitabel – OPEC verliert dadurch zunehmend Einfluss auf die Preisgestaltung – Reduktion der Fördermengen bleibt wirkungslos – Ölindustrie muss sich auf niedrigen Ölpreis einstellen

Veröffentlicht am Dienstag, 13.12.2016, 10:16 von Magnus Hoffestett

Historisch kann man die Übereinkunft der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) und der Ölförderländer außerhalb des Kartells schon nennen. Schließlich hat es einen solchen Schulterschluss in der immerhin 56-jährigen Geschichte der Organisation noch nicht gegeben: Erstmals erklärt sich eine Reihe von Nichtmitgliedern bereit, im Gleichschritt mit dem Kartell die Förderung zu kürzen. Dementsprechend hat der Ölpreis stark reagiert, Brent notierte zeitweise oberhalb von 57 Dollar je Barrel.

Ob das Ereignis in ein paar Monaten oder Jahren jedoch noch andere Personengruppen als die Wirtschaftshistoriker beschäftigt, steht auf einem anderen Blatt. Es ist nämlich fraglich, ob der Schritt den Ölpreis nachhaltig auf ein höheres Niveau hieven wird. Zweifel sind aus mehreren Gründen angebracht.

So ist kaum damit zu rechnen, dass sich die Staaten innerhalb und außerhalb der Opec an die Versprechen halten. Das Unterlaufen der Quoten durch eine insgeheim höhere Förderung hat es in der Opec-Geschichte häufig gegeben. Wie sagte unlängst sogar der frühere saudische Ölminister Ali al-Naimi: „Wir neigen zum Schummeln.“ Als Vorboten eines solchen Verhaltens könnte man ansehen, dass die Opec vor dem Inkrafttreten der Beschlüsse per Anfang Januar derzeit den Ölhahn aufdreht wie noch nie. Erstmals – schon wieder ein Ereignis für Historiker – produziert sie mehr als 34 Mill. Barrel pro Tag (bpd). Nicht übersehen werden sollte auch, dass der Iran hart daran arbeitet, alte Marktanteile wiederzugewinnen, an Kürzungen also keinerlei Interesse hat.

Was Saudi-Arabien betrifft, so übernimmt das Land zwar den Löwenanteil der Kürzungen. Diese stimmen jedoch zeitlich mit der üblichen Wartungsphase der Ölfelder überein. Saudi-Arabien kann also seine aktuellen Mengen auch ohne Kürzungsverpflichtung kaum halten. Russland wiederum wird die versprochenen 300.000 bpd erst gegen Ende des ersten Quartals erreicht haben. Man könnte also sagen, dass die Staaten mit ihren Beschlüssen zumindest teilweise auf Show-Effekte setzen.

Vor allem aber sind zeitweilig höhere Preise ein Signal für die nordamerikanischen Schieferölproduzenten, die Förderung kräftig hochzufahren. Diese Produzenten werden durch Kostensenkungen immer konkurrenzfähiger, sie können zudem rasch auf veränderte Marktgegebenheiten reagieren. Sie – und nicht mehr die Opec-Staaten – gelten inzwischen als die Herren des Ölmarktes. Was man ebenfalls als eine historisch bedeutsame Entwicklung bezeichnen könnte. Dieter Kuckelkorn – Börsen-Zeitung

Verbraucher müssen sich nach Meinung der Energieexpertin Claudia Kemfert auf starke Schwankungen beim Ölpreis einstellen. Derzeit würden die Preise zwar leicht anziehen, sagte die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Tagesspiegel (Montagausgabe). Das mache das Tanken und Heizen etwas teurer. Kemfert glaubt aber nicht, dass dieser Trend lange anhalten wird. „Noch immer herrscht ein großer Überschuss an Öl auf den internationalen Märkten“, sagte die DIW-Expertin dem Tagesspiegel. Ob Saudi Arabien oder Russland tatsächlich – wie vereinbart – die Ölproduktion reduzieren, sei fraglich. Andere Opec-Staaten wie der Iran würden die Ölproduktion sogar steigern, auch die USA hätten bereits angekündigt, mehr Öl fördern zu wollen. Daher bleibe es beim Überangebot an Öl. Der Ölpreis werde daher „allein durch erwartete Änderungen, durch Spekulation nach oben getrieben“, meint Kemfert. „Ob dies anhält, ist eher ungewiss.“ Der Tagesspiegel

Roland Berger-Studie: Ölpreis soll bis 2021 auf niedrigem Niveau zwischen 45 – 55 Dollar pro Barrel bleiben

Im Jahr 2014 sank der Ölpreis auf circa 50 Dollar pro Barrel. Ein Grund war der erstmalige Strategiewechsel der erdölexportierenden Länder (OPEC), die bisherigen Ölpreise mit einer Angebotsverknappung künstlich hoch zu halten. Hinzu kam eine gestiegene Ölproduktion amerikanischer Unternehmen, die mithilfe neuer Fördermethoden, wie etwa Fracking, ihr Angebot zwischen 2009 und 2014 auf fünf Millionen Barrel pro Tag verdoppelten. Dennoch blieb trotz des gesunkenen Ölpreises und des Überangebotes das von Kritikern beschworene Ende der Schieferölförderung aus. Im Gegenteil: Durch die Modernisierung ihrer Anlagen und einer effizienteren Förderung verbesserten die Fracking-Unternehmen ihre Profitabilität sogar. Und die neue Methode führte zu einer Halbierung der Kosten pro Barrel von knapp 100 Dollar im Jahr 2009 auf gut 50 Dollar in 2016. Damit bleibt diese Art der Ölförderung auch in Zeiten niedriger Ölpreise weiterhin profitabel und damit attraktiv.

Die Experten von Roland Berger prognostizieren in ihrer aktuellen Studie zur Ölpreisentwicklung „Lower for much longer – Adam Smith in the Permian“, dass der Ölpreis in den kommenden fünf Jahren auf seinem jetzigen Niveau zwischen 45 – 55 Dollar pro Barrel verharren wird. „In diesem dynamischen Umfeld mit hohem Kostendruck erwarten wir technische Weiterentwicklungen, die die Förderkosten nochmals senken und ein ausreichendes Ölangebot garantieren werden“, erklärt Roland Berger-Partner Walter Pfeiffer. „Früher bestimmte ausschließlich die OPEC den Preis. Innovative Förderkonzepte und technischer Fortschritt ermöglichen heute eine Entwicklung hin zu einem hochkompetitiven Markt.“

Einfluss der OPEC auf den Ölpreis schwindet

Durch die Steuerung der eigenen Förderquoten bestimmte die OPEC den Weltmarktpreis über Jahrzehnte hinweg. Das System funktionierte bis 2014 nahezu perfekt: Verknappte die OPEC das Angebot, stiegen die Preise an; erhöhte sie es, fielen sie wieder. „Wenn die OPEC heute die Fördermengen senkt und der Ölpreis dadurch ansteigt, wird das fehlende Angebot durch die neuen Produzenten aus den USA ersetzt und der Preis bleibt stabil“, beschreibt Pfeiffer die veränderte Situation. „Dadurch verliert die OPEC Marktanteile und den Mitgliedern entgehen wichtige Einnahmequellen.“

Dabei sind die Staatshaushalte der OPEC-Staaten auf die Einnahmen aus der Ölproduktion angewiesen. Während der Großteil der OPEC-Staaten eine Reduzierung der Fördermengen beschlossen hat, gibt es einige Ausnahmen: So sind Länder wie Nigeria oder Libyen aufgrund der angespannten politischen Situation von Senkungen ihrer Fördermengen ausgenommen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait wollen ihre Produktion in den kommenden fünf Jahren weiter erhöhen. Hinzu kommt der Iran, der nach dem Ende der Sanktionen seine Produktion wieder hochfährt. Die Folge ist ein Machtverlust der OPEC im globalen Preiswettbewerb.

„Im Gegensatz zu vielen anderen Analysten erwarten wir daher keinen Anstieg des Ölpreises in den nächsten Jahren. Die technologische Weiterentwicklung der Förderung und eine schwächelnde OPEC werden den Preis auf dem jetzigen Niveau stabil halten“, stellt Pfeiffer fest. „Unternehmen in der Ölindustrie sollten nicht auf einen steigenden Ölpreis spekulieren, sondern das niedrigere Niveau akzeptieren und ihre Geschäftsmodelle den neuen Marktgegebenheiten anpassen.“ Claudia Russo – Roland Berger

Förderkürzung beschlossen: Ölpreise steigen wie geschmiert – economy

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