Air-Berlin-Aus trifft auch 100.000 Inhaber von Kurzstreckentickets

15.000 Flüge annulliert

Die Stornierung aller Air-Berlin-Kurzstreckenflüge in Europa ab 28. Oktober trifft rund 100.000 Kunden, deren Tickets verfallen. Dies berichtet die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“.

Veröffentlicht am Mittwoch, 11.10.2017, 9:31 von Domenikus Gadermann

Das Unternehmen habe dies bestätigt, schreibt die Zeitung. Für rund 90.000 Flüge werde es praktisch keine Erstattung geben, weil sie schon vor dem 15. August gebucht worden seien. An diesem Tag hatte Air Berlin Insolvenz angemeldet. Ihre Ansprüche müssen Kunden beim Insolvenzverwalter anmelden. Die Kosten für die restlichen 10.000 Kurzstreckentickets würden dagegen erstattet, heißt es in dem Bericht. Zudem sollen weitere Air-Berlin-Flugzeuge inklusive Crew der Lufthansa-Tochter Eurowings überlassen werden.

Air Berlin hatte zuvor bereits rund 100.000 Langstreckentickets storniert, weil die Airline am 15. Oktober den letzten Flug nach Übersee abwickelt. Rheinische Post

Schon mehr als 15.000 Flüge in diesem Jahr annulliert

Die Zahlen des Fluggastrechteportals EUclaim zeigen: An Deutschlands Himmel herrscht Chaos. Bis zum 30. September sind allein 15.719 Flüge von und nach Deutschland annulliert worden. Das sind fast ein Viertel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch die Zahl der Flüge mit mehr als drei Stunden Verspätung ist gestiegen: 4.887 sind es bisher. 2016 landeten 4.212 Flüge mehr als drei Stunden zu spät am Zielflughafen. Im Juli, August und September waren die Probleme der Airlines besonders groß. Die Datenbank von EUclaim hat in dem Zeitraum 8.117 annullierte und verspätete Flüge erfasst – das sind im Durchschnitt 88 pro Tag. „Insbesondere die Probleme von Air Berlin haben seit dem Sommer die Zahl der Flugausfälle nach oben getrieben“, so Paul Vaneker, Flugdaten-Experte bei EUclaim. „Fast jeder dritte ausgefallene Flug von und nach Deutschland war eine Air Berlin-Verbindung.“

Im Durchschnitt blieben bei der ehemals zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft in diesem Jahr jeden Tag rund 19 Maschinen außerplanmäßig am Boden. Insgesamt zählt EUclaim bis Ende September 5.091 Ausfälle, dazu kommen noch 323 mehrstündige Verspätungen. Die Lufthansa mit etwa doppelt so vielen Flugverbindungen wie Air Berlin hat bisher 4.000 Flüge gecancelt, 562 Maschinen landeten deutlich verspätet.

Das Air Berlin-Chaos wirkt sich auch auf die Statistik der Flughäfen aus. Mit 4.749 Flugstreichungen hat Berlin-Tegel die schlechtesten Zahlen aller deutschen Airports. „Ein weiterer Grund für die vielen Ausfälle sind die dortigen Streiks zu Jahresbeginn“, so Paul Vaneker von EUclaim. Die meisten Verspätungen von mehr als drei Stunden zählt Frankfurt am Main mit 1.036, gefolgt von Düsseldorf mit 623 Verspätungen.

Besonders hart traf es viele Reisende am 12. September: 469 gestrichene Flüge und 62 Verspätungen über drei Stunden führten zum bislang chaotischsten Tag des Jahres. Die längste Verspätung des Jahres hält aktuell der Condor-Flug DE1539 von Palma de Mallorca nach Köln-Bonn Anfang September: 50 Stunden und 44 Minuten dauerte der Rückflug für die gestressten Urlauber. Steffen Klinge – EUclaim

Air Berlin den Rest gegeben

Wie man einem kaputten Unternehmen binnen weniger Stunden den Rest geben kann – das haben die Piloten von Air Berlin in den letzten 48 Stunden nach Bekanntgabe der Insolvenz von Air Berlin gezeigt. Ihre spontan eingereichten Krankenscheine mitsamt drastischen Flugausfällen haben die Reisenden endgültig vergrault. Nun rutschen die Buchungen noch rasanter in den Keller, Erstattungen müssen teuer bezahlt werden; und das alles in der schwierigen Liquidationsphase. Die einzigen, die aktuell fröhlich sein können, sind die Aufkäufer. Denn der Preis des Unternehmens Air Berlin ist am Boden. Natürlich kann man die Ängste der Piloten verstehen; schließlich werden sie in einer neuen Flugfirma weniger verdienen.

Aber sie missachten mit ihrem wilden Streik die vielen Flugbegleiter und Angestellten, die ebenso um Job und Verdienst bangen – aber trotzdem ihren beruflichen Pflichten nachgehen. Verständlich, dass die Stimmung an den Schaltern und in den Kabinen seit Dienstagmorgen auf dem Nullpunkt gelandet ist. Die „kranken“ Piloten haben die Belegschaft gespalten; und das in der Agonie ihres Unternehmens. Gut möglich, dass die Zeit von Air Berlin nun noch viel schneller abläuft als ursprünglich gedacht. Eine geregelte Übernahme jedenfalls scheint kaum noch möglich. Und weitere Stützen seitens der Bundesregierung sind undenkbar geworden. Es fing an mit großen Fehlern des Managements, nun schlug mit den Piloten die nächst-höchste Gehaltsklasse zu. Am Ende leiden besonders die vielen gewöhnlich bezahlten Angestellten. Das haben sie nicht verdient. Manfred Lachniet – Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

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